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Die Liebeshandlung

Die Liebeshandlung

Titel: Die Liebeshandlung
Autoren: Jeffrey Eugenides
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Ein liebender Verrückter
    Z unächst mal, schauen Sie sich all die Bücher an. Da waren ihre Edith-Wharton-Romane, nicht nach Titeln sortiert, sondern nach Erscheinungsjahren; da war die komplette Modern-Library-Ausgabe von Henry James, ein Geschenk ihres Vaters zu ihrem 21.   Geburtstag; da waren die eselsohrigen Taschenbücher, der versammelte Lesestoff aus ihren Collegekursen, jede Menge Dickens, ein bisschen Trollope, dazu eine ordentliche Portion Austen, George Eliot und der gefürchteten Schwestern Brontë. Da waren eine Reihe schwarzweiße New-Directions-Bände, meistens Gedichte von Autoren wie H.   D. oder Denise Levertov. Da waren die Romane von Colette, die sie heimlich verschlang. Da war ein Exemplar von Updikes
Ehepaare
, das ihrer Mutter gehörte, eine Erstausgabe, in der Madeleine, ohne sich erwischen zu lassen, schon in der sechsten Klasse geschnüffelt hatte und die sie jetzt als inhaltlichen Beleg für ihre literaturwissenschaftliche Jahresarbeit über die Liebeshandlung und den
marriage plot
im viktorianischen Roman benutzte. Da war, um es kurz zu machen, der ganze Bestand dieser mittelgroßen, aber noch tragbaren Bibliothek, die so ziemlich alles enthielt, was Madeleine in ihrer Collegezeit gelesen hatte – eine scheinbar zufällige Sammlung von Titeln, deren Fokus sich langsam verengte, wie bei einem Persönlichkeitstest, einem raffinierten allerdings, der sich nicht durch Vorwegnahme dessen, was hinter den Fragen steckt, austricksen lässt und in dem man sich am Ende so verliert, dass es keine andere Rettung gibt, als einfach die Wahrheit zu sagen. Unddann wartet man auf die Auswertung, hofft auf ein «künstlerisch veranlagt» oder «leidenschaftlich», denkt, man könnte auch mit «empfindsam» leben, fürchtet sich insgeheim vor einem «narzisstisch» oder «hausbacken», bis man schließlich ein Ergebnis präsentiert bekommt, das zweischneidig ist und einem je nach dem Tag, dem Augenblick oder dem Freund, den man gerade hat, wechselnde Gefühle bereitet: «Unheilbar romantisch».
    Das also waren die Bücher in dem Zimmer, in dem Madeleine mit einem Kissen über dem Kopf am Morgen ihrer Collegeabschlussfeier lag. Sie hatte jedes einzelne davon gelesen, manche mehrfach, oft Stellen unterstrichen, aber das half ihr jetzt nicht. Madeleine wollte vom Zimmer und allem, was sich darin befand, nichts wissen. Sie hoffte, ins Vergessen zurückzudämmern, das ihr während der letzten drei Stunden ein sicherer Hort gewesen war. Nur einen Grad wacher, und sie wäre gezwungen, sich gewissen unangenehmen Tatsachen zu stellen: etwa der Menge und Mischung des Alkohols, den sie sich in der vergangenen Nacht eingetrichtert hatte, genauso wie der Tatsache, dass sie ins Bett gegangen war, ohne die Kontaktlinsen herauszunehmen. An diese Einzelheiten zu denken würde ihr zwangsläufig die Gründe in Erinnerung rufen, weshalb sie überhaupt so viel getrunken hatte, und das wollte sie auf keinen Fall. Also zog Madeleine ihr Kissen fester über den Kopf, verbannte das frühe Morgenlicht und versuchte, wieder in den Schlaf zu sinken.
    Aber es war zwecklos. Denn genau in diesem Augenblick begann am anderen Ende der Wohnung die Türklingel zu schrillen.
    Anfang Juni, Providence, Rhode Island – die Sonne, vor fast zwei Stunden aufgegangen, erleuchtete die fahle Bucht und die hohen Schornsteine des E-Werks von Narragansett,schob sich allmählich höher wie die Sonne auf dem Siegel der Brown University, der Zierde aller über dem Campus flatternden Wimpel und Transparente, eine Sonne mit klugem Gesicht, die das Wissen symbolisierte. Aber diese Sonne – die über Providence – erteilte der metaphorischen gerade eine Lektion, hatten doch die Gründer der Universität in ihrem Baptistenpessimismus entschieden, das Licht des Wissens zum Zeichen dafür, dass die Ignoranz noch nicht aus dem Reich der Menschen vertrieben war, mit Wolken zu umhüllen, während sich die wirkliche Sonne soeben durch die Wolkendecke kämpfte, splittrige Lichtstrahlen auf die Erde schickte und den Schwadronen von Eltern, die das gesamte Wochenende hindurch vor Nässe und Kälte gebibbert hatten, neue Hoffnung gab, dass ihnen das für die Jahreszeit ungewöhnliche Wetter bei den Festlichkeiten des Tages keinen Strich durch die Rechnung machen würde. Über dem ganzen College Hill, in den geometrischen Parkanlagen der georgianischen Herrenhäuser und den magnolienduftenden Vorgärten viktorianischer Villen, auf den backsteingepflasterten

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