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Die lieben Patienten!

Die lieben Patienten!

Titel: Die lieben Patienten!
Autoren: Robert Tibber
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1. KAPITEL
     
    »Sie sehen aber gar nicht gut aus, Doktor!«
    Es war diese oft und in den verschiedensten Variationen, wie »Sie sind so schmal geworden« bis zu »Ich glaube, Sie sollten sich mal selber was verschreiben«, wiederholte Bemerkung, die mich nach fast achtjähriger Praxiszeit als Hausarzt dazu veranlaßte, auf meinem Weg einzuhalten und die allgemeine Lage näher zu betrachten. Wer war ich, und was tat ich? Was wünschte ich mir, und was war mein Ziel? Und darunter lag die etwas verstecktere Frage: War es ein Zeichen des fortschreitenden Alters, das mich diese äußerst nüchternen, halb philosophischen Fragen stellen ließ? Ich wollte nicht gern eingestehen, daß dies in der Tat der Fall war, sondern suchte in meinem Geist nach einer der üblichen nichtssagenden, leichtfertigen Antworten, die ich für Probleme dieser Art bereit hatte. Es wurde mir schmerzhaft klar, daß die Inventur, falls ich sie nun wirklich einmal zu machen hatte, auf einer etwas ernsthafteren Ebene ausgeführt werden mußte.
    Die ersten beiden Fragen waren nicht schwer zu beantworten. Ich war ein ganz gewöhnlicher Mann, dem das Alter von Vierzig nicht mehr das Ende der Welt bedeutet, der aber noch hinreichend weit davon entfernt ist, um bereits darüber zu scherzen. Ich war mit einer Frau verheiratet, die mir nach sechs Jahren Eheleben noch als das lieblichste Wesen erschien, das je auf dieser Welt geatmet hat, und ich hatte zwei normale, aufregende, aber prächtige fünfjährige Kinder. Und was tat ich?
    Ich war verantwortlich für die Gesundheit von über dreitausendsiebenhundert Personen, die sich beim Nationalen Gesundheitsdienst auf meiner Liste hatten eintragen lassen, und mußte versuchen - und sehr oft war es nicht mehr als ein Versuch -, Tag und Nacht selbständig und allein mit ihren Nöten fertig zu werden. Auf dem Papier wirkte das schon verrückt, aber in der Praxis war es das noch mehr, und hier lag der Grund für den Gewichtsverlust, mein schlechtes Aussehen und mein gereiztes Wesen, über das sich die Patienten mit ihrem üblichen Scharfblick und ihrem Fingerspitzengefühl bereits zu beschweren begannen.
    Was wünschte ich mir?
    Zu meiner Überraschung konnte ich auf diese Frage keine Antwort mehr finden. Mein Gehirn kreiste wie ein nicht mehr abzustellendes Karussell, in dem die Überlegungen, wie ich mehr Patienten in«kürzerer Zeit untersuchen, meine Besuchsliste zusammendrängen und die meisten Nachtbesuche vermeiden konnte, die unaufhörlich wiederkehrenden Faktoren waren. Peu à peu, wie man sagt, und eigentlich unversehens, war mein Berufsleben zu einer immer größeren Plackerei und immer weniger erfreulich geworden, während es ein privates Leben für mich kaum mehr gab. Wohin das noch führen sollte, wußte ich nicht, und ich kümmerte mich auch nicht mehr darum. Ich war einfach zu müde.
    An einem öden Montag, der, soweit es die Arbeit anbetraf, um fünf Uhr morgens begonnen und um neun Uhr abends noch nicht beendet war, schleppte ich mich vom Sprechzimmer ins Kaminzimmer und warf einen langen Blick auf mein Bild im Spiegel über dem Kamin. Ich hatte gerade meine Zunge in der größtmöglichen Länge herausgestreckt und festgestellt, daß sich da eine recht ordentliche Kehlkopfentzündung entwickelte, und gleichzeitig meine vergrößerten Halsdrüsen abgetastet, als Sylvia hereinkam.
    »Was ist denn mit dir los?« fragte sie.
    »Ich bin überarbeitet!«
    Schweigen folgte auf diese Bombe. Ich zog meine Zunge wieder ein und wandte mich zu Sylvia um, bereit, mein niederschmetterndes Geständnis zu rechtfertigen. Sie schrieb mit einem Kugelschreiber Namen in zwei Paar neue, glänzende, schwarze Gummistiefel und tat, als ob sie nichts gehört hätte.
    »Ich sagte, daß ich überarbeitet bin.«
    »Das habe ich gehört.«
    »Mrs. Theobald sagte, daß ich schlecht aussähe.«
    Kein Kommentar.
    Ich zog an dem Gurtband meiner Hose. Wenn ich tief einatmete, konnte ich meine Hand zwischen Hose und Hemd stecken.
    »Und ich habe anscheinend auch abgenommen«, erklärte ich pathetisch.
    Das Pathos hing in der Luft und zerflatterte wegen Mangels an Beachtung.
    »Sylvia«, sagte ich, während ich meine Jacke zuknöpfte und die Rolle des Herrn und Meisters annahm, »ich weiß nicht, ob ich mir vielleicht nur etwas einbilde, aber es kommt mir so vor, als ob ich heute abend durch einen undurchdringbaren Vorhang mit dir spreche. Bist du auch meiner Meinung, oder nicht?«
    »Es geht doch nicht um mich.«
    »Gut, aber was

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