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Die letzte Nacht

Die letzte Nacht

Titel: Die letzte Nacht
Autoren: Andrea Fazioli
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1
Unverschämtes Glück
    Es genügt eine Kleinigkeit, um reich zu werden. Eine winzige Kleinigkeit. Ein Staubkorn in der Mechanik, ein Zögern der Kugel, bevor sie auf der Fünfunddreißig liegen bleibt.
    Oder ganz einfach: der richtige Zeitpunkt, den man erkennen muss.
    Ich dagegen, dachte Lina Salviati, während sie an dem Hebel des Einarmigen Banditen zog, ich habe nie auch nur irgendwas erkannt. Ringsum breiteten sich die Geräusche des Kasinos aus. Geflüsterte Worte, um das Glück nicht zu stören, Lachen, Geschrei beim mechanischen Pferderennen.
    Man sollte nicht spielen, um zu gewinnen. Lina merkte, dass sie nicht bei der Sache gewesen war. Aber zu spät. Am Ende kam es ohnehin nur auf die Ausdauer an. Eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Früher oder später gewinnt jeder mal. Es genügt eine Kleinigkeit.
    »Scheiße!«, rief eine Frau neben ihr. »Irgendwas funktioniert heute Abend nicht!«
    Sie hatte einen starken schweizerdeutschen Akzent. Ihr Haar war mit einem geblümten Tuch zusammengebunden und auch sonst überall Blumen: gelbe Rosen auf der Bluse und dem Rock, gläserne Margariten an den Ohren und Augen so kalt wie zwei Chrysanthemen.
    Lina sah sie an. Normalerweise sprechen Spieler an den Automaten nicht miteinander. Aber vielleicht zählte im Kasino von Lugano die gute Erziehung mehr als der Aberglaube. Lina rang sich zu einem schwachen Lächeln durch:
    »Ja, stimmt … heute Abend sieht’s nicht gut aus!«
    »Was sagst du?«, platzte die Frau auf Deutsch heraus, um gleich darauf in fehlerhaftem Italienisch und mit hartem, fast metallischem Akzent fortzufahren. »Unterbrich nicht dein Spiel! Sind schon andere da, die Unglück bringen, oder?«
    Lina folgte ihrem Blick und sah zwei, drei Automaten weiter einen jungen Mann in Abendgarderobe. Um die dreißig, tiefliegende Augen, blondes, kurzes Haar. Er spielte nicht, sondern sah zu ihnen herüber. Lina schauderte. Und wenn er wegen mir hier ist?
    »Ins Kasino kommt man, um zu spielen!«, bemerkte die geblümte Frau, und sah zuerst den jungen Mann, dann Lina an. »Man kommt nicht, um Liebe zu machen.«
    Dann zog sie mit einem Ruck den Hebel hinunter. Die Symbole bewegten sich vor ihren Augen wie die Farben eines Kaleidoskops. Die Aufmerksamkeit der Frau war wieder ganz auf den Automaten gerichtet. Jedes Mal ein billiger Hoffnungsschimmer. Ein Franken, du ziehst den Hebel, und alles ist möglich … Lina wandte den Blick ab. Weder in den großen Kasinos noch in den kleinen darf man jemals einen anderen Spieler anstarren.
    »Nie auch nur ein bisschen Glück«, murmelte die geblümte Frau, »nie kann man mal mit ein bisschen Ruhe spielen!«
    Lina drehte den Spielautomaten den Rücken zu. Die Unterbrechung hatte sie aus dem Rhythmus gebracht, und der Blick des Blonden ging ihr auf die Nerven.
    Sie war längere Zeit nicht in der Schweiz gewesen. In den letzten Monaten hatte sie mal hier, mal dort gespielt: von den großen Metropolen bis zu den kleinen Ferienortkasinos und den halblegalen Spielclubs, wo hoch gesetzt wird und die Profis auf Beutejagd gehen. Am Ende hatte sie beschlossen zurückzukehren, um ihr Glück in der Heimat zu versuchen.
    Aber man braucht nur ans Glück zu denken, um es zu vertreiben. Momentan hatte Lina eine Wohnung in Lugano, ein paar hundert Franken und einen Schuldenberg, so hoch, dass er sich von selbst vermehrte: Die Schulden brachten neue hervor, die sich ihrerseits vervielfachten und so weiter. Bis der Berg über dir zusammenbricht und du aufhörst zu spielen.
    Sie setzte sich in die Bar, ans Fenster, von wo aus man auf die Stadt blickt, und bestellte ein Mineralwasser. Das Schlimme war, dass sie sich nicht unglücklich fühlte. So dicht vor dem Abgrund war es erstaunlich, wie gut es ihr gelang, nicht daran zu denken. Sie saß dort, in ihrem flammendroten Abendkleid, geschminkt, gut frisiert, jung und selbstsicher. Nur einen Schritt vom Reichtum entfernt.
    Es kommt darauf an, wie man die Dinge betrachtet, dachte sie.
    »Woran denken Sie?«, fragte eine männliche Stimme.
    Lina fuhr zusammen. Der junge Blonde war ihr in die Bar nachgekommen. Also hatte sie richtig gelegen. Es waren ihre Schwierigkeiten, die sie verfolgten, in Abendgarderobe und dazu bereit, jede Spur von Traum auszulöschen.
    »Was wollen Sie?«
    »Ich heiße Matteo. Gestatten Sie?«
    Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er ihr gegenüber Platz. Sein Glas war mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt.
    »Ich kenne Sie nicht«, sagte Lina und versuchte, Ruhe zu

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