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Die Lagune Der Flamingos

Die Lagune Der Flamingos

Titel: Die Lagune Der Flamingos
Autoren: Sofia Caspari
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schmerzte dennoch.
    Xaver lenkte sein Pferd auf den Weg zurück. »Pflügt weiter, Männer«, rief er und trieb seinen Rappen an.
    Frank starrte ihm hinterher. Die Wut, die plötzlich in ihm hochkochte, ließ ihn die Zähne fest aufeinanderbeißen.
    »Hast du nicht gehört?«, blaffte Hermann. »Weiterarbeiten.«
    Nicht zum ersten Mal fragte sich Frank, ob ihn sein Vater tatsächlich so sehr verachtete, wie es in diesem Moment den Anschein hatte.
    Am nächsten Sonntag liefen Mina und Frank direkt nach dem Kirchgang getrennt voneinander davon, um sich an ihrem geheimen Platz zu treffen. Frank wirkte nachdenklich. Schon seit geraumer Zeit lag er nun schweigend auf dem Rücken und beschattete die Augen gegen die Sonne. Mit einem Seufzer ließ Mina sich ebenfalls zurücksinken. Dann rollte sie sich auf die Seite, stützte sich auf einen Ellenbogen und musterte Frank.
    Spähte sie über seine Schulter hinweg, konnte sie einen der Tümpel sehen, die der Gegend um Esperanza ihren Namen gegeben hatten. Großes Wasserloch, so hatten die Indios der Pampa dieses Gebiet einst genannt. Stieg das Grundwasser an, dann wuchs sich die mit vielen einzelnen Wasserstellen durchsetzte Ebene zu einer riesigen zusammenhängenden Wasserfläche aus, und die landwirtschaftlichen Schäden waren immens.
    Es ist sicher nicht leicht gewesen für die ersten Siedler, überlegte Mina.
    Etwa zweihundert Familien, unter ihnen Franks Eltern, waren Anfang des Jahres 1856 in der Gegend eingetroffen. In Ermangelung anderer Materialien in der baumlosen Steppe hatten die ersten Kolonisten ihre einfachen Hütten aus in der Sonne getrockneten Erdschollen, adobes, errichten müssen. Sie hatten Wassergräben in den harten Pampaboden gezogen und von Hand Äcker angelegt.
    Frank, der Nachzügler, war drei Jahre nach der Ankunft seiner Eltern in Argentinien geboren worden. Anders als Mina hatte er das deutsche Heimatland von Hermann und Irmelind Blum also nie kennengelernt. Wohl deshalb ließ Frank sich manchmal von Mina über die alte Heimat berichten. Und manchmal erzählte er ihr, was er von der beschwerlichen Reise seiner Eltern wusste. Auch wenn Mina und Frank an diesem Tag nicht lange in ihrem Versteck bleiben konnten – obgleich es Sonntag war, warteten auf sie beide zu Hause Aufgaben –, gab ihnen die gemeinsame Zeit Kraft. Schließlich verabschiedeten sie sich mit einem langen, zärtlichen Kuss voneinander.
    »Vergiss mich nicht, ja?«, sagte Mina unvermittelt. »Vergiss mich nie.«
    Frank zeigte sich nicht überrascht.
    »Niemals«, antwortete er ernst.
    In Gedanken versunken, die Hände vom Brotbacken teigverklebt, starrte Irmelind Blum durch das Fenster ihres kleinen Hauses nach draußen. Auch nach zwanzig Jahren in diesem Land konnten sie sich nichts Besseres leisten, doch ihr war das ohnehin gleich. Ein Teil von Irmelind war schon vor Jahren gestorben, wenige Tage bevor sie hier, in der sogenannten feuchten Pampa, eingetroffen waren. Nach besonders heftigen Regengüssen, wenn die Flüsse Paraná und Salado über ihre Ufer traten, wurde die Ebene überflutet. Davon hatte man ihnen vor der Abreise zu Hause allerdings nichts erzählt. In Argentinien gebe es gutes Land, war allenthalben gesagt worden, steppenartiges, fast baumloses Grasland, das zur landwirtschaftlichen Nutzung ebenso wie zur Viehwirtschaft einlade. Im Westen der Region gebe es niedrige Gebirge, sierras genannt, das Klima sei feucht, aber gemäßigt warm. Regen falle zu allen Jahreszeiten. Es hatte gut geklungen.
    In der deutschen Heimat hatte es damals ja viel Gerede über die Auswanderung nach Südamerika gegeben. Die Verhältnisse waren schlecht gewesen, kaum einer hatte noch sein Auskommen gehabt. Also war ihr Mann Hermann nach Frankfurt gereist, zur Auskunftsstelle. Er hatte einen Vertrag mit einem Vertreter jenes Aaron Castellanos unterzeichnet, der den Anstoß für die Besiedlung des Nordens der Provinz Santa Fe gegeben hatte. Endlich hatte sich die Familie auf den Weg gemacht.
    Castellanos … Irmelind würde diesen Namen nie vergessen.
    Sein Angebot hatte verlockend geklungen: Zwanzig Hektar Staatsland hatte man jeder Familie versprochen, ein Häuschen, Saatgut, Vorräte, zwei Pferde, zwei Ochsen, sieben Milchkühe und einen Stier. Sogar ein Teil der Reisekosten war übernommen worden. Um den Rest bezahlen zu können, hatten die Blums eine Versteigerung organisiert. Das Haus mit Grundstück wurde gut verkauft. Nach der Anschaffung verschiedener Reiseutensilien und der

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