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Die Lagune Der Flamingos

Die Lagune Der Flamingos

Titel: Die Lagune Der Flamingos
Autoren: Sofia Caspari
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aufeinander, er lügt.
    Angesichts des ganzen Blutes wagte sie es kaum, sich vorzustellen, was mit dem Unglücklichen geschehen war, der Philipp heute begegnet war.
    »Ist Mina schon zurück?«, fragte der Stiefbruder jetzt.
    »Wieso?« Misstrauen schlich sich in Xavers Stimme.
    »Hab sie heute mit Frank Blum gesehen.«
    Philipps Stimme klang unbekümmert, doch Mina wusste genau, dass er eben einen seiner Giftpfeile gesetzt hatte.
    »Hölle und Teufel, ich habe ihr doch streng verboten, sich noch einmal mit diesem nichtsnutzigen Lumpen abzugeben. Ich glaube, ich muss dem widerspenstigen Weib wieder einmal eine Lektion erteilen.«
    Mina erschrak bei seinen harschen Worten so sehr, dass sie den Halt verlor und gegen die Tür der Vorratskammer stolperte. Die knarrte leise ob der unbeabsichtigten Bewegung. Wie auf ein Wort sahen Vater und Sohn in Minas Richtung, dann wechselten sie einen kurzen Blick miteinander.
    »Mina, Süße«, rief Philipp, ein maliziöses Grinsen auf dem Gesicht, »bist du etwa da drin?«

***
    Einige Wochen zuvor
    Das Abendlicht goss seinen rotgoldenen Honig über die weite Ebene aus und verwandelte die Landschaft in ein Meer aus Gras, dessen Wellen in der Ferne gegen die hohen Berge schlugen.
    »Bleib stehen, du verdammtes Balg!«, donnerte die Stimme ihres Stiefvaters hinter Mina her, doch das junge Mädchen rannte einfach weiter.
    Rennend hatte Mina das Haus verlassen, und sie würde rennen, bis sie Xavers verhasste Stimme nicht mehr hörte. Wenn man sie in diesem Moment gefragt hätte, ob sie keine Angst vor ihrem Stiefvater habe, hätte Mina nur die Achseln gezuckt. Man konnte kein Leben führen, in dem man ständig Angst vor irgendetwas hatte, das sah sie an ihrer Mutter. Annelie Amborn, geborene Wienand, verwitwete Hoff, hatte viel zu viel Angst. Mina wollte keinesfalls werden wie sie. Später, wenn sie nach Hause zurückkehrte, würde Xaver sie selbstverständlich verprügeln, doch das kümmerte sie jetzt nicht. In diesem Augenblick, hier draußen, war sie frei wie ein Vogel. Das war alles, was zählte.
    Als Mina weit genug gelaufen war, blieb sie stehen, breitete die Arme aus und lachte laut. Es war ein starkes, kräftiges Lachen. Manchen hätte es gewiss verwundert, denn es wollte so gar nicht zu ihrer zierlichen Gestalt passen. Doch sie hatte schon auf dem Schiff so manchen getäuscht. Mina hatte keine Angst gehabt – sie war auch bei starkem Wind an Deck geblieben. Sie hatte nie unter Seekrankheit gelitten, und sie hatte auch nie daran gezweifelt, dass sie ankommen würden, so wie mancher Mitreisende, der seine Zeit an Bord heulend und betend verbracht hatte.
    Mina ließ die immer noch weit ausgebreiteten Arme sinken und rannte weiter. Manchmal, dachte sie, wünschte ich mir wirklich, einfach meine Flügel ausbreiten zu können und davonzufliegen. Aber sie war ein Mensch, dazu bestimmt, auf der Erde zu leben.
    Abrupt verzögerte sie ihren Lauf und schaute sich um. Sie hatte ihren Treffpunkt, eine in der endlosen Weite kaum merkliche Vertiefung, erreicht. Frank, ihr bester Freund, war allerdings noch nicht da. Mit einem kleinen Seufzer ließ Mina sich auf dem Boden nieder. Sie war froh, dass ihr Stiefvater stets zu faul war, ihr mehr als ein paar Meter zu folgen. Ab und an hetzte er ihren Stiefbruder auf sie, doch der war an diesem Tag noch nicht zu Hause gewesen. Sie selbst hatte ihn mittags mit einem Mädchen tändeln sehen. Mina war sich sicher, dass es spät werden würde, bis er zurückkam. Sicherlich würde er sich im Laufe des Abends betrinken. Ja, sie hatte heute wirklich Glück, und sie wusste das zu schätzen.
    Wieder blickte Mina auf die untergehende Sonne, die sich, einem Feuerball gleich, stetig dem Horizont näherte. Ein wenig Zeit würde Frank und ihr noch bleiben, bis es ganz dunkel wurde, nicht viel allerdings. Sie hoffte sehr, dass er bald kam.
    Für einen Moment horchte sie in die Weite hinaus. Nicht wenige fürchteten sich davor, das Dorf um diese Uhrzeit noch zu verlassen. Manchmal durchstreiften Indios die Gegend – Tobas aus der weiter im Norden gelegenen Provinz Chaco beispielsweise -, stahlen Vieh oder entführten Frauen und Kinder. In besonders nah an den Indianergebieten liegenden Ortschaften standen die Häuser deshalb dicht beieinander und waren von einem soliden Palisadenzaun umgeben. Die Siedler dort trugen stets Waffen bei sich, auch bei der Feldarbeit. Jedes Jahr fand eine Strafexpedition in den Chaco statt. Dann zerstörte man ein paar tolderías, wie

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