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Die Läuferin von Pern

Titel: Die Läuferin von Pern
Autoren: Anne McCaffrey
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Tenna erreichte die Anhöhe und machte eine Pause, um Luft zu holen, wobei sie sich nach vorn beugte, die Hände auf die Knie stützte und die Rückenmuskeln entspannte. Dann ging sie, wie es ihr beigebracht worden war, langsam auf dem flachen Areal entlang, schüttelte die Beine aus, lockerte die Oberschenkelmuskulatur und atmete durch den Mund, bis sie nicht mehr keuchte. Sie nahm die Wasserflasche vom Gürtel und gönnte sich einen Schluck, den sie im Mund verteilte, um das trockene Gewebe zu befeuchten. Sie spie den Mundvoll aus und nahm noch einen zu sich, den sie langsam die Kehle hinabrinnen ließ. Die Nacht war hinreichend kühl, so daß sie nicht zu stark schwitzte. Aber sie würde nicht lange genug stehenbleiben, um sich eine Erkältung zu holen.
    Es dauerte nicht lange, bis ihr Atem wieder normal ging, und das freute sie. Sie war in guter Form. Sie schüttelte die Beine aus, um die Belastung auszugleichen, die sie ihnen auferlegt hatte, um diese Höhe zu erklimmen. Dann rückte sie den Gürtel zurecht, betastete den Kurierbeutel und ging in raschem Laufschritt den Hang hinunter. Es war dunkel - Belior war noch nicht über der Ebene aufgegangen, um dieser Seite des Berges sein Licht zu spenden -, und es wäre nicht sicher, in den Schatten zu laufen. Sie kannte diesen Abschnitt des Weges nur vom Hörensagen, war ihn aber selbst noch nicht gelaufen. Bis jetzt hatte sie ihren zweiten Planetenumlauf als Läuferin gut gemeistert und ihre erste Überquerung an den empfohlenen ungefährlichen Stellen gemacht. Läufer achteten aufeinander, und kein Stationsleiter würde eine Novizin überfordern. Mit etwas Glück konnte sie es innerhalb der nächsten Siebentage sogar bis zum Westlichen Meer schaffen. Dies war die erste große Prüfung ihrer Lehrzeit als Läuferin. Und wenn sie es bis zur Felsenburg Fort geschafft hatte, blieb ihr wirklich nur noch der Westliche Gebirgszug zu überqueren.
    Auf halbem Weg vom Gipfel der Anhöhe herab erreichte sie den Hügelkamm, von dem man ihr erzählt hatte, und nachdem sie wie üblich den Beutel, den sie bei sich trug, überprüft hatte, riß sie die Knie hoch und verfiel in den raumgreifenden Schritt, der der Stolz aller Läufer von Pern war.
    Natürlich waren die legendären »Rennmeister« - die hundert Meilen pro Tag zurücklegen konnten - längst ausgestorben, aber ihre Erinnerung wurde in Ehren gehalten. Ihre Ausdauer und Entschlossenheit waren ein Musterbeispiel für alle, die auf den Strecken von Pern liefen. Viele waren es nicht gewesen, wie die Legende sagte, aber sie hatten die Läuferstationen eingerichtet, als es während des Ersten Sporenregens erforderlich geworden war, Nachrichten schnell zu übermitteln. Läufer waren imstande gewesen, sich in eine Art Trance zu versetzen, die ihnen nicht nur ermöglichte, weite Strecken zurückzulegen, sondern sie darüber hinaus in Schneestürmen und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt warm hielt. Außerdem hatten sie die ersten Wege angelegt, deren Netz heute den gesamten Kontinent überzog.
    Zwar konnten nur Festungsherren und Handwerksmeister es sich leisten, Lauftiere für ihre Kuriere zu halten, aber auch dem Normalbürger, der irgendwo auf Pern mit Gildenhallen, Verwandten oder Freunden Verbindung aufnehmen wollte, war es möglich, einen Brief in den Kurierbeuteln zu versenden, die von Station zu Station befördert wurden. Andere sprachen vielleicht von Halteplätzen, aber Läufer hatten in der Geschichte ihres Gewerbes immer schon »Stationen« und »Stationsleiter«
    gehabt. Trommelbotschaften waren großartig für kurze Nachrichten, wenn das Wetter gut war und der Wind den Takt nicht unterbrach, aber solange die Leute geschriebene Nachrichten schicken wollten, würde es Läufer und Läuferinnen geben, die sie überbrachten.
    Tenna dachte häufig stolz an die Tradition, die sie weiterführte. Das spendete ihr Trost auf den langen, einsamen Reisen.
    Im Augenblick war gut zu laufen: Der Boden war fest, aber federnd, eine Oberfläche, die penibel in Ordnung gehalten wurde, seit die frühesten Läufer sie angelegt hatten. Der moosige Untergrund erleichterte nicht nur das Laufen, er machte auch den Pfad kenntlich. Ein Läufer würde sofort den Unterschied in der Oberfläche bemerken, wenn er - oder sie - vom Weg abkam.
    Langsam zeichnete sich ihr Weg im Mondlicht ab, als der volle Belior aufging, und sie beschleunigte ihren Schritt, lief anmutig, atmete frei, hielt die Hände hoch, die Brust nach außen gepreßt, die

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