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Die Kultur der Reparatur (German Edition)

Die Kultur der Reparatur (German Edition)

Titel: Die Kultur der Reparatur (German Edition)
Autoren: Wolfgang M. Heckl
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Plädoyer für eine Kultur der Reparatur
    „Glück entsteht oft durch
Aufmerksamkeit in kleinen Dingen.“
    Wilhelm Busch
    „Ich habe meine Mütze verloren!“ Nora blickt hektisch umher.Jeder im HUIJ, dem Laden im Münchner Westend, einer Mischung aus Verkaufsladen, kleinem Café und offener Werkstatt, versteht sofort ihre Verzweiflung. Es handelt sich, obwohl man es angesichts des Kummers erst annehmenkönnte, bei der Mütze um keine teure Designerkopfbedeckung aus einer Edelboutique, nein, sie ist selbst gestrickt. Mit den eigenen Händen hergestellt. Ein Unikat. Und überhaupt die Allererste. Jeder ist augenblicklich bereit, an einer Suchaktion in unmittelbarer Umgebung des Ladens teilzunehmen. Im Hinterhof wird das Verlorengeglaubte gefunden, in der Nähe der Fahrradständer. Erleichterung.
    Der Werkstattkurs „Klamotten pimpen“ kann jetzt beginnen, um einen langen Holztisch sitzen sieben Frauen verschiedensten Alters, sie holen T-Shirts, Röcke oder Pullis heraus. Es sind Sachen, die sie mal gemocht, an denen sie sich aber nun sattgesehen haben, Teile, die irgendwie langweilig erscheinen, weil zu oft getragen. Ein häufiges Schicksal von Lieblingskleidern. Früher hätten die Kursteilnehmerinnen sie in die Tonne geworfen und sich etwas Neues gekauft. „Das war ein Wahnsinn. Die Kleidungsstücke waren noch gar nicht zerschlissen, man hatte nur genug von ihnen. Von allein wäre ich aber nie auf die Idee kommen, ihnen mit eingearbeiteten Stoffen oder Bordüren einen neuen Glanz zu geben.“ Nachhaltigkeit mit Stil ist nun ihre Devise.
    Neben den ausgepackten Kleidungsstücken liegen ausgediente Frotteehandtücher in den verschiedensten Farben, die schönsten Stoffreste, Kordeln, Pailletten. In einer Ecke steht eine Singer-Nähmaschine, perfekt für den „stofflichen Umbau“. Unter Anleitung von Anja Spiegler, Designerin und eine der drei Mitbegründerinnen von HUIJ, werden in den nächsten vier Stunden die Sachen, denen die Mülltonne erspart blieb, einen besonderen Pfiff erhalten. Da wird bei einem weißen T-Shirt eine Schulterpartie durch ein knallorangefarbenes Stück Frottee ersetzt, eine abgewetzte Stoffhandtasche erhält einen neuen Bezug aus hellgrünem Samt, ein Rock wird mit selbst gehäkelten Bordüren aus einer besonders gefilzten Wolle aufgepeppt. Nach Handarbeit sieht die Kleidung nicht aus, eher ziemlich cool.
    Im HEi, dem Haus der Eigenarbeit, führt die fünfundvierzigjährige Handwebermeisterin Waltraud Münzgruber den kreativen Umgang mit Wegwerfprodukten vor, der sich Upcycling nennt. Produkte, die man allgemein als nutzlos einstuft, werden umgewandelt, in Neuwertiges, und erhalten damit zugleich eine Aufwertung. Ohne zusätzlichen Energieverbrauch. Marcel und Ester sind auch Upcycler, sie stehen dagegen auf dem Schlauch, kreieren aus zerschnittenen Plattfüßen Hocker, Schmuck und ebenfalls Taschen. Jeder kann in dem Do-it-yourself-Zentrum im Stadtviertel Haidhausen diese Flechttechniken erlernen, die sich besonders in vielen Entwicklungsländern aus Plastik- und Gummiprodukten entwickelt haben – und viele wollen es lernen. Jung und alt.
    Hatte man noch vor einigen Jahren die Nase über Secondhand gerümpft, ist es jetzt wieder salonfähig. Der Trend geht zu Kleidungsstücken mit individuellem Touch: an denen man selbst Hand angelegt hat. Doch nicht nur das Leben der Kleidung wird heute wieder häufiger verlängert, auch das vonRadios, Mixern und anderen Küchengeräten. Der jüngste Schub dieser Entwicklung ging von einem unserer Nachbarländer aus – den Niederlanden. Genauer, von einem „Repair Café“ in Amsterdam. Im Oktober 2009 wurde das erste von der Journalistin Martine Postma gegründet, aus Protest gegen eine Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, in der kaum noch jemand in der Lage ist, einen Toaster oder eine Kaffeemaschine zu reparieren. Inspiriert war die Eröffnung des ersten Reparatur-Cafés durch ein „Repair Manifesto“ – verfasst von holländischen Designern. Sie riefen dazu auf, „kein Sklave der Technologie“ mehr zu sein, sie vielmehr wieder zu beherrschen. Folglich sind Repair Cafés nicht nur als Orte für Tüftler gedacht, die kaputten Geräten wieder Leben einhauchen, und für Menschen, die sich einen teuren Kundendienst nicht leisten können: Sie sind der Ausgangspunkt einer Bewegung, die ein neues Denken über die endlichen Ressourcen dieser Erde und unseren verschwenderischen Umgang damit propagiert; einer Bewegung, die sich gegen die Teile der

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