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Die Kinder des Saturn

Die Kinder des Saturn

Titel: Die Kinder des Saturn
Autoren: Stross Charles
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niedrigen Status als freischaffender Arbeiterin passt. Als ich der Domina sagte, ich sei eine unabhängige Frau, war das zwar nicht gelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Meine Sippe und meine Schwestern genießen Unabhängigkeit,
doch aufgrund dieses Status sind wir auch arm – eine der großen Ironien des Schicksals.
    Zwar habe ich im Augenblick keine feste Arbeit, kann aber Gelegenheitsjobs annehmen, wenn ich möchte. Die Lebenshaltungskosten hier erschöpfen meine Reserven, aber das ist immer noch besser, als in einem Slum unter einer Kuppel zu stranden und das eigene Nervensystem gegen Honorar einer Analyseeinrichtung für CO 2 -Sequestrierungen zur Verfügung zu stellen. Eigentlich sollte ich nach einem Job als Rikschakuli Ausschau halten, aber ich bin von dem Zusammenstoß mit der Domina und ihrem Schlägertyp immer noch genervt. Also mache ich mich auf den Weg zu den Kellergeschossen unterhalb des geschützten Milieus, um Victor zu suchen.
    Victor ist ein Jazzpiano, ein Xenomorph, der in schwierigen Zeiten gelandet ist – ein Saiteninstrument mit Herz, das mit einem Kopf und Armen ausgestattet ist und aus einer Epoche stammt, in der Originalität gefragt war. Heutzutage sind solche Veredelungen nicht mehr in Mode; sie entsprechen nicht dem Geschmack der kultivierten Elite. Eine falsche Melodie kann als Kritik aufgefasst werden. Und Aristos geraten schnell in Wut und sind noch schneller bereit, ihre Ehre zu verteidigen. Deshalb ist Victor in der Tagschicht mit der Wartung der Atmosphäre beschäftigt und veranstaltet nachts einen Ohrenschmaus in den Wartungsschächten, wobei er seinen Standort häufig wechselt. Solche Orte haben wir schon immer gehabt, schon in der Zeit, als die Wesen, denen meine einzig wahre Liebe gilt, noch auf der alten Erde umherwanderten. Und wir, die wir die Erinnerung an sie hochhalten, bewahren solche Traditionen. (Wir trinken sogar mit Wasser verdünnte Ethanollösungen, wenn auch nicht aus denselben Gründen.)
    Ich entdecke Victors derzeitigen Standort in einer großen Dampfabzugshaube unterhalb einer dicken Absaugröhre, die Sulfate aus der inneren Atmosphäre der Sauerstoff erzeugenden Zone herausleitet. Er hat die Wände mit Industrieruß ausgekleidet, sie mit einer ganzen Batterie farbiger Lampen ausgestattet und den Fußboden feste Schaumpolster erzeugen lassen, so dass der Raum
in Nischen mit weichem Bodenbelag aufgeteilt ist. In der Kneipe ist heute Abend nicht viel los. Milton, der gelegentlich für Victor kellnert und sein Komplize bei Verstößen gegen die öffentliche Ordnung ist, ist gerade dabei, die Theke der Bar mit affektiertem Gehabe zu polieren. »Wo ist der Boss?«, frage ich, während ich neben ihm stehen bleibe.
    »Der Boss ist dahinten, Twinkle-Tits«, sagt Milton, der Stimmenimitator, in bewusst schnarrendem und abgehacktem Ton. »Was darf ich dir bringen?«
    »Einen Liter Spezial. Aber lass das Polyethylenglukol weg.« Viele echte Trinker mögen einen Schuss davon in ihrem Gebräu, aber für meinen Geschmack macht es den Drink zu süß.
    »Du entscheidest, womit du dich vergiftest.« Milt zuckt eine seiner zahlreichen Schultern und serviert mir einen Literkrug. »Macht fünf Centimes.«
    Ich unterzeichne die Rechnung und nehme den Krug mit zum Boss, der in einer gemütlichen Nische an der Wand sitzt und, umgeben von einem dankbaren Publikum aus unterbeschäftigten Staubsaugern, in die Tasten haut. »Hast du einen Moment Zeit, Vic?« Ich nehme ihm gegenüber Platz.
    Er nickt und spielt weiter, ohne den Rhythmus zu verändern. Die Staubsauger sind wie hypnotisiert: Sie biegen die Beine durch und schwanken von einer Seite zur anderen. Manche von ihnen stecken in einheitlichen glänzenden Gehäusen, aber die meisten dieser unbedeutenden Gebäudereiniger sind so nackt wie an dem Tag, als sie serienweise produziert und mit Chips versehen wurden. Es sind schwarze Saugröhren mit zahlreichen Beinen und mit Köpfen, die kaum mehr als ausgefranste Schläuche darstellen, und in jedem Kopf sitzen oben zwei winzige Knopfaugen. »Hab dich heute Abend gar nicht erwartet«, bemerkt Vic. »Dachte, du würdest mit den Chibi-Sans eine rauschende Party feiern. Hast du Lust auf eine Jamsession?«
    »Schon, aber nicht jetzt, Vic.« Ich halte einen Augenblick den Mund, um auf meine inneren Stimmen zu lauschen. »Ich glaube, ich muss weg. Weg aus der Stadt.«

    »Aha. Warte kurz.« Er beendet sein Spiel mit einer virtuosen Schlusssequenz. Die Gebäudereiniger warten noch ein

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