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Die Kinder des Saturn

Die Kinder des Saturn

Titel: Die Kinder des Saturn
Autoren: Stross Charles
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Rikschas zu ziehen oder sich von Aristos im Wolkenkasino auf Venus beleidigen zu lassen? In den dunstigen Sümpfen der Antarktis auf einem uralten Instrument herumzuzupfen?
    »Das Schmiermittel in einem nicht angetasteten Behälter fließt immer besser als das in anderen.« Er trommelt auf die Schreibtischplatte. »Nein, ich denke nicht, dass …«
    »Aber er wurde systematisch hintergangen und zum Sündenbock gemacht! Und danach mit einem Chip versklavt!« Mir fällt selbst auf, wie schrill meine Stimme klingt. »Ihm wurden in Ausübung seiner Pflicht die Arme und Beine abgetrennt! Dabei war sein einziger Fehltritt, sich in eine Schwester meiner Sippe zu verlieben. Ist das so schlimm?«
    »Es ist sogar unverzeihlich.« Er sieht wirklich stocksauer aus. »Was, wenn es Rhea gewesen wäre?«
    »Ich kann nicht einfach zulassen, dass Sie ihn umbringen!« Meine Fingerspitzen graben sich in die Armlehnen meines Sessels. Vor der Tür stehen zwei Laufroboter Wache, Soldaten der Behörde zur Unterdrückung der Replikation. Ich kann’s unmöglich schaffen, aber …
    »Man hat den jungen Reginald wieder zum aktiven Dienst zugelassen«, erwidert der Boss der Jeeves-Sippe barsch, doch dann
lächelt er unvermittelt. »Er hat eine lange Reise vor sich. Schließlich kann man ja nicht ausschließen, dass sich auch auf Tau Ceti gefährliche Replikatoren tummeln, nicht wahr?« Mein Kiefer klappt herunter. »Soweit wir informiert sind, haben Sie sich nach Plätzen auf der Bark umgesehen. Wir hoffen nur, dass sich dieses Projekt als das entpuppt, was Sie sich wirklich gewünscht haben.«

    Und so kehren wir zum Ausgangspunkt und Ende meiner Geschichte zurück, in die Gegenwart.
    Ich liege, in einen Kokon gehüllt, in einer Schlafkoje, die oben und unten mit Sicherheitsgurten ausgestattet ist. Der Raum ist nichts anderes als eine kalte Stahlkiste, kaum möbliert. Es ist hier wirklich sehr kühl, und die trübe Beleuchtung hat einen seltsamen Blauschimmer. Die schalldämmenden Wände summen vor Energie. Man hat hier drinnen kaum den Eindruck von Schwerkraft – die Enden der Sicherheitsgurte flattern, sobald ich mich bewege -, aber wir beschleunigen bereits. Ein Tausendstel g klingt zwar nicht sonderlich beeindruckend, aber wenn man diesen Druck jahre- oder sogar jahrzehntelang aufrechterhält, summiert sich das mit der Zeit zu einer annehmbaren Reisegeschwindigkeit.
    Mir gegenüber, nur durch einen kurzen Gang getrennt, befindet sich eine zweite Schlafkoje. Ich suche den Blick meines Bettnachbarn. »Bist du glücklich?«, frage ich.
    Reggie lächelt, vielleicht aus Verlegenheit. Ich glaube, er weiß, dass ich immer noch schreibe. »Ständig.«
    »Möchtest du meinen Leserinnen irgendetwas mitteilen?«
    »Oh, Freya.« Immer noch lächelnd rollt er mit den Augen.
    »Komm, mach schon!«
    »Alles Gute zum Geburtstag!«, kräht er fröhlich. Gleich darauf greift er nach oben, zieht seine Schlafmaske zu sich herunter und bereitet sich darauf vor, wieder in den Tiefschlaf und den langsamen Modus abzutauchen.

    »Mistkerl!«, werfe ich ihm an den Kopf, aber ich lächle dabei. Da er darauf nichts erwidert, verschließe ich meinen Kokon und lege mich hin. Sobald ich diese Warnung als Rundmail verschickt habe, bleibt mir nichts mehr zu tun, bis wir irgendwann volle Reisegeschwindigkeit erreicht haben. Dann wird es Zeit für mich, mir nützliches Wissen anzueignen. Damit werde ich die langen Jahre ausfüllen, die vor mir liegen.
    Ich kann noch vielen Geburtstagen freudig entgegensehen. Und bei keinem dieser Geburtstage muss ich Angst haben, von Rheas Erinnerungen zerfressen zu werden.

glossar der deutschen übersetzung
    Abgereichertes Uran: Uran, bei dem der Anteil der spaltbaren Isotope 234 U und 235 U geringer ist als bei dem natürlich vorkommenden Isotopengemisch. Es fällt als Abfallprodukt bei der Urananreicherung an.
     
    Außer Gefecht gesetzt (Kapitelüberschrift): Im Original »Whores de Combat« – »Huren der Schlacht«. Wortspiel. Denn »Hors de combat« ist ein international üblicher Begriff aus dem Französischen, der wörtlich übersetzt »kampfunfähig« oder »außer Gefecht gesetzt« bedeutet. Er bezeichnet den Status von Soldaten, die im Rahmen von militärischen Auseinandersetzungen entweder aufgrund von Krankheit, Verwundung oder Gefangennahme nicht mehr an den Kampfhandlungen teilnehmen und den Schutz der Genfer Konvention genießen.
     
    Beryllium: Sprödes Leichtmetall, das häufig als Legierungszusatz verwendet

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