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Die Keltennadel

Die Keltennadel

Titel: Die Keltennadel
Autoren: Patrick Dunne
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Frühlingsbeginn in der Natur, und demzufolge…
    Dempsey wandte sich wieder an Quinn.
    »Wurden die Kirche oder der Friedhof in letzter Zeit geschändet?«
    »Wissen Sie, Inspector, wir leben in einer Zeit, die keinen Respekt mehr kennt vor Dingen, die früher einmal heilig waren«, sagte Quinn mit einiger Leidenschaft. »Sie benutzen die Kirche als Toilette, sie feiern Trinkgelage auf dem Friedhof, sie rauben sogar den Opferstock für die Kerzen!«
    Kerzen. Ganze Reihen von Kerzen, letzte Nacht in der Kirche. Wozu?
    »Ich meinte richtige Sakrilege. Gestohlene Hostien, Zeichen von Teufelsanbetung…«
    »Die Kerzen!« Lavelle schien aus einer Trance zu erwachen.
    »Das Ritual hat mit Feuer, mit der heiligen Brigitta und mit…
    Reinigung zu tun!«
    Er setzte sich aufrecht und fuchtelte mit den Armen in Quinns Richtung. »Wessen Fest ist heute, Paddy?«
    »Das der heiligen Brigitta.«
    »Und was feiern wir morgen?«
    »Die Darstellung Christi im Tempel oder, wie es in meiner Jugend hieß, das Fest Mariae Reinigung.«
    »Aber es gibt einen noch älteren Namen dafür.«
    »Du meinst Lichtmess?«
    »Richtig. Lichtmess. Gefeiert mit brennenden Kerzen. Und woran genau erinnert das Fest?«
    »An den Besuch der Heiligen Jungfrau im Tempel, vierzig Tage nach Jesu Geburt. Sie ging hin, um sich reinigen zu lassen und um Opfer darzubringen. Soll das eine Bibelstunde werden, Liam, oder worauf willst du hinaus?«
    »Nur einen Moment Geduld, bitte. Heute ist der 1. Februar. In Irland nennen wir ihn La Fheile Bride – das Fest der heiligen Brigitta. Wir befinden uns im Dorf Kilbride – Cill Bride heißt die Kirche der heiligen Brigitta –, und unsere Kirche ist ihr ebenfalls geweiht. Dann die Kerzen. Der Zusammenhang ist folgender: Brigitta ist nicht nur eine christliche Gestalt, es gab auch schon vorher eine Brigida, eine mächtige keltische Göttin, die im Mittelpunkt eines Feuerkults stand. Außerdem gibt es eine Volkssage, an die ich mich nur noch teilweise erinnere, wie die heilige Brigitta mit einer Krone aus Kerzen auf dem Kopf die Heilige Jungfrau in den Tempel begleitet. Kennst du die Geschichte, Paddy?«
    »Ja, ich erinnere mich gut. Maria war sehr schüchtern und wollte nicht gesehen werden, und Brigitta mit ihren Kerzen lenkte die Aufmerksamkeit von ihr ab. Aus Dankbarkeit erlaubte sie Brigitta, ihren Festtag vor dem Fest Mariae Reinigung zu feiern… Aber ich weiß immer noch nicht, worauf du hinauswillst.«
    »Aber verstehst du denn nicht? Eine Brigitta, die deutliche Züge der keltischen Gottheit trägt, zusammen mit der Jungfrau Maria in einer Geschichte, in der Kerzenlicht erwiesenermaßen das Vermächtnis der alten Religion ist. Göttin und Gottesmutter in einer Zeremonie vereint, die Feuer, Opfer und Reinigung beinhaltet. Das stellte das Ritual von letzter Nacht dar. Eine Verschmelzung von Lichtmess und Fest der Brigida. Genau das müssen der oder die Täter im Sinn gehabt haben. Was letzte Nacht drüben in der Kirche stattfand, war nicht nur Mord und Schändung… es war mehr.«
    Er sank erschöpft in seinen Sessel zurück. Dann sagte er mit tonloser Stimme: »Mir ist noch etwas eingefallen. Es heißt, dass am ersten Tag des Frühlings die Göttin Brigida dem toten Winter neues Leben einhaucht. Die Geschehnisse der letzten Nacht in Kilbride haben selbst das noch pervertiert!«
    »Ach, hör doch auf«, sagte Lyons nach einigen Sekunden Schweigen. »Dann soll also eine Bande Feueranbeter aus unserer Gegend ein Mädchen entführt und ermordet haben, um das Gegenteil von irgendeinem keltischen Quatsch zu feiern – jetzt lass mal die Kirche im Dorf, Liam!«
    Lyons lachte über sein eigenes Wortspiel und brachte Quinn mit einem Augenzwinkern dazu, es ihm gleichzutun.
    Lavelle achtete nicht auf ihn. »Ich war derjenige, der sie finden sollte«, sagte er mehr zu sich selbst und legte die Fingerspitzen an die Stirn.
    »Apropos toter Winter – besteht die Möglichkeit, diesem Raum hier ein bisschen Leben oder Wärme einzuhauchen, Liam? Ich friere.« Lyons genoss seine Rolle als Spaßvogel.
    Dempseys Handy piepste. Er holte es aus seiner Manteltasche. »Dempsey… gut, dann habt ihr also Eingang, Sakristei und Altar erledigt… Ja, alle Kirchenbänke und Beichtstühle, pudert alles ein… ja, die Empore ebenfalls.« Er steckte das Telefon wieder ein und setzte sein Gespräch mit den Priestern fort.
    »Es scheint, als würden Sie alle hier davon ausgehen, dass mehrere Leute beteiligt waren und dass sie aus der Gegend

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