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Die Keltennadel

Die Keltennadel

Titel: Die Keltennadel
Autoren: Patrick Dunne
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darauf?«
    »Weil ich denke, das hat mich zunächst mal gerettet. Meine Periode hatte gerade angefangen.«
    »Die vermeintliche Schwäche von Frauen, was?«
    Aus einem der Autos oben auf dem Parkplatz drang ein engelhafter Chor, auf den jemand von den düsteren Prognosen umgeschaltet hatte, die aus aller Welt eintrafen.
    »Das ist wunderschön. Was ist das?« Jane legte zärtlich die Arme um ihn.
    »›In Paradisum‹. Aus dem Requiem von Gabriel Fauré. Ein hoffnungsvolles Stück, das gespielt werden soll, wenn die Prozession die Kirche verlässt. Wusstest du, dass Fauré den Dies-Irae -Teil in seiner Messe weggelassen hat?«
    »Dies Irae?«
    »Tag des Zorns – ein Gedicht über das Jüngste Gericht:
    ›Kommen wird der Schreckenstag/Da die Welt in Asche lag.‹ Aber ich bin auf Faurés Seite«, sagte Lavelle. »Genug von Feuer und Schwefel. Hören wir lieber, wie uns die Engel ins Paradies bringen.«
    Während die erhabene Musik in den sonnigen Tag klang, wusste Jane, dass sie ihn jetzt mehr denn je brauchte. Und seinen Glauben. Sie sah ihn an. Er wandte ihr den Kopf zu, und sie küssten sich lange und liebevoll.
    Detective Inspector Dempsey las zu Hause in seinem Wohnzimmer die Sonntagszeitungen. Auf einer ganzen Innenseite waren in Passbildgröße die Delegierten abgebildet, die ums Leben kamen, als Ultraschallsignale von der Bühne die Bombe im Körper von Hazel Wade zündeten. Ein Miniaturempfänger, der irgendwo an ihr versteckt war, hatte den vorher eingestellten Code wahrscheinlich entschlüsselt. Sie war in tausend Stücke gerissen worden. Die Sprengstoffexperten nahmen an, dass ihre inneren Organe mit Semtex voll gepackt waren, das sie in Plastikbeuteln geschluckt hatte, und dass ihre zersplitterten Knochen als Schrapnelle dienten, die Tod und Verstümmelung brachten.
    Ein Artikel auf der folgenden Seite umriss die Zusammenhänge zwischen Irland und der Gräueltat in Bethlehem. Becca de Lacy hatte ihre Welttournee abgebrochen und wurde von den Palästinensern festgehalten und vernommen. Edwards’ Hintergrund wurde skizziert. Die Polizei hatte Grund zu der Annahme, dass sein richtiger Name Michael Roberts lautete, der in Sligo auch als Greg Mathers aufgetreten war. Die Mitgliederzahl der Sekte war nicht bekannt. Islamische Extremisten hatten in Verlautbarungen behauptet, sie werde von der CIA finanziert.
    In einem kleinen Abschnitt las Dempsey, eine christliche Organisation namens Zehnter Kreuzzug hätte darauf hingewiesen, dass die Konferenz wegen des islamischen Strebens nach Weltherrschaft von Beginn an zum Scheitern verurteilt gewesen sei.
    Er legte die Zeitung weg und schlenderte zum Fenster. Ein guter Tag für einen Ausflug zum Fluss. Er brauchte Zeit, um sich über etwas klarzuwerden, das ihm keine Ruhe ließ.
    Mrs Roberts hatte ihren Sohn am Vormittag im Leichenschauhaus des St. Vincent’s Hospital identifiziert, wo sie ironischerweise früher als Putzfrau gearbeitet hatte und wo Liam Lavelle offiziell immer noch Patient war. Dempsey hatte Lavelle gebeten, ebenfalls bei der Identifikation behilflich zu sein, aber die Kugeln hatten Roberts’ Gesicht größtenteils zerstört, und sein früherer Seminarkollege konnte sich unmöglich sicher sein. Und dann hatte Mrs Roberts beim Hinausgehen etwas gesagt, während sie in ihr Taschentuch schniefte.
    Dempsey kaute es in Gedanken zum hundertsten Mal durch.
    »Ach, bestimmt sehe ich ihn bald wieder.« Die Hoffnung einer religiösen Frau, die den Blick starr auf den Himmel richtete? Oder doch etwas anderes? Und wer war dieser Priester, der sie möglicherweise am Morgen, bevor sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr, besucht hatte? Die Polizisten, die ihr Haus bewachten, waren informiert worden, dass die Detectives den Täter gefasst hatten, und sie warteten nur noch, bis man sie von ihrem Posten abrief. Deshalb hatten sie sich keine großen Gedanken gemacht, als ein Priester in vollem Ornat auftauchte, um den alten Menschen in dem Wohnblock die heilige Kommunion zu bringen. Sie hatten ihn einfach durchgelassen. Der Mann war bisher nicht identifiziert.
    Über Sligo liegt ein bleigrauer Himmel. Grau wie der Stein, der die letzte Ruhestätte des Dichters W. B. Yeats markiert. Auf einem Parkplatz neben dem Friedhof vor Drumcliff spricht ein Mann in ein Handy. Nennen wir ihn den Mystiker. Er hört, dass Jane Wade und Liam Lavelle im strahlenden Sonnenschein der Dublin Bay gerade vom Strand heraufkommen. Vielleicht ist der Tod des – nennen wir ihn den Asketen –

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