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Die Karte Des Himmels

Die Karte Des Himmels

Titel: Die Karte Des Himmels
Autoren: Rachel Hore
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meine Schwester Claire besuchen und ihr kleines Mädchen. Du kennst sie doch noch gar nicht, und ich dachte ... bei ihnen ist es zu eng für uns, aber im Dorf gibt es eine Frühstückspension. Oder wir könnten irgendwo an der Küste bleiben. Die Landschaft ist wunderschön. Wir könnten spazieren gehen ...« Sie brach ab, als sie merkte, dass er gar nicht zuhörte.
    Caspars Augen wurden schmal, als er auf sein Blackberry starrte. Das blaue Licht des Displays flackerte unheimlich über sein Gesicht. Er sah angespannt und besorgt aus.
    »Ah!«, sagte er, plötzlich erfreut über etwas, was er gefunden hatte. »Tut mir wirklich leid, Jude, aber ich muss Sonntag nach Paris. Wegen einer Präsentation am Montag. Jack und ich brauchen den Samstag zur Vorbereitung.«
    »Oh, das ist aber schade. Du hast meine Familie noch nicht kennengelernt. Vor allem dachte ich, dass du Claire wahrscheinlich mögen wirst.«
    »Ist das die ... die Behinderte?«
    »Sie hinkt ganz leicht, mehr nicht.« Jude würde ihre Schwester nie als behindert bezeichnen. Hübsch und kratzbürstig, offen und direkt, eine scharfsinnige Geschäftsfrau, ja, aber niemals behindert. Ein Bein war von Geburt an ein kleines Stück kürzer als das andere, was zu einer Kindheit mit ständigen Operationen und Krankenhausaufenthalten geführt hatte. »Ihre kleine Tochter heißt Summer. Ich habe sie bestimmt schon seit ein paar Wochen nicht mehr gesehen.«
    »Ich dachte, ihr hättet euch letzte Woche alle am Flughafen getroffen.« Jude und Claire hatten ihre Mutter nach Spanien verabschiedet, wo ihr neuer Mann Douglas eine Villa in den Bergen hinter Malaga einrichtete.
    »Der Flughafen in Stansted ist wohl kaum ein Ort, wo man entspannt plaudern kann.«
    »Nun, ich werde Claire und Summer ... süßer Name ... wohl ein anderes Mal kennenlernen müssen.«
    Inzwischen sah er sogar so aus, als würde er es aufrichtig bedauern. Aber Jude war trotzdem enttäuscht. Denn es war nicht das erste Mal, dass er die Gelegenheit ausgeschlagen hatte, ihre Familie kennenzulernen, was nicht spurlos an ihr vorüberging. Wenn sie es genau bedachte, kannte sie auch noch niemanden aus seiner Verwandtschaft. Er war das einzige Kind polnischer Eltern, die in Sheffield lebten, so viel hatte er ihr erzählt. In all der Zeit, die sie ihn nun schon kannte, war er nie nach Hause gefahren, um seine Eltern zu besuchen. Und falls sie irgendwann in London gewesen sein sollten, hatte er es ihr verschwiegen. Bisher war ihr das nicht merkwürdig vorgekommen. Jetzt aber schon.
    Einer der kleinen Ohrstecker tat weh. Sie tastete mit den Fingern nach dem Verschluss und lockerte ihn vorsichtig. Er fiel heraus. In letzter Sekunde fing sie die Teile auf.

2. Kapitel
    Jude freute sich immer, nach Hause zu kommen in das weiße Reihenhaus in Greenwich, in dem sie wohnte. Mit dem Ellbogen stieß sie die Tür hinter sich zu und ließ die Tüten aus dem Supermarkt auf den Küchentisch fallen. Die vergangene Nacht war sie bei Caspar in Islington geblieben. Am Morgen hatte er – obwohl Samstag war – ein paar Dinge im Büro zu erledigen, und so war sie mit ihm zusammen per U-Bahn in die Stadt gefahren, wo sich ihre Wege am King’s Cross getrennt hatten. Sie hatten kaum miteinander geredet. Caspar sah ziemlich angeschlagen aus, weil er am Abend zuvor viel zu viel getrunken und die Dinnerparty bis in die frühen Morgenstunden gedauert hatte. Wenn Jude ehrlich war, hatte ihr der Abend noch weniger gefallen, als sie befürchtet hatte. Außer ihr und Caspar waren sechs andere Leute da gewesen, alle freundlich und amüsant, wenn man einzeln mit ihnen ins Gespräch kam, aber auf einem Haufen hatten sie sich als langweilig und öde erwiesen. Beim Abendessen hatten sie über Restaurants geredet, wo Jude noch nie gewesen war, über Designer, für die sie sich nicht interessierte, über alte Freunde von der Universität, die sie nicht kannte. Schweigend hatte sie in ihrem Essen herumgestochert. Sie hatte sich ausgeschlossen gefühlt und innerlich gewehrt. Allein der Gedanke, mit diesen Leuten zwei Wochen in der Dordogne zu verbringen, war deprimierend! Als Jude sich in einer Gesprächspause nach Sehenswürdigkeiten in der Nähe von Brantôme erkundigte, hatte ihre Gastgeberin, die coole Marney, die Nase krausgezogen und gesagt, dass sie die Tage eigentlich immer am Pool der Villa verbringen und nur abends irgendwohin zum Dinner gehen würden. »Normalerweise ist es da sowieso zu heiß, um rumzulaufen«, sagte sie

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