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Die Judas-Verschwörung: Mysterythriller (German Edition)

Die Judas-Verschwörung: Mysterythriller (German Edition)

Titel: Die Judas-Verschwörung: Mysterythriller (German Edition)
Autoren: Scott McBain
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Leben sein konnte. Außerdem hatte er nicht zahlreiche theologische Traktate und Bücher über den Glauben verfasst – das Kennzeichen eines jeden Kardinals. Mehr noch: Hua hatte keinen einzigen Satz veröffentlicht. Auch das war ein gutes Zeichen, denn ein wahrhaft spiritueller Mensch lebt seine Spiritualität mit dem Herzen, er muss diese nicht in Buchform kundtun, um anderen mit seiner Intelligenz zu imponieren. Und schließlich war der neue Papst keiner, der sich schick kleidete. Das majestätische Schreiten im Hermelin, das häufige Wechseln der Garderobe am Hochaltar, die Gucci-Schuhe und die Bulgari-Sonnenbrille – das war nichts für ihn. Stattdessen ein schlichtes weißes Priestergewand. Doch was für ein Desaster, nicht wahr? Diese letzte Verkörperung Christi auf Erden hatte nicht viel vorzuweisen, um die hohen Kirchenleute zu beeindrucken – Menschen, die in ihrer Selbsteinschätzung spirituell so erhaben waren, dass sie über der Dreifaltigkeit standen. Dennoch: Als der schmächtige Hua auf dem Balkon des Petersdoms erschien und sein Name Johannes  XXVI . verkündet wurde, erschallte ein großer Freudenruf auf der Piazza San Pietro. Denn tief im Herzen spürten die Anwesenden aufgrund des geheimnisvollen Bandes, das alle Menschen miteinander verbindet, dass dies ein guter Mensch war. Ein Mensch, der das menschliche Dasein wahrhaft verstand.
    Und während der Papst dort auf dem Balkon stand, schauten die Menschen auf dem Petersplatz und jene Millionen vor den Fernsehschirmen auf den Stellvertreter Christi auf Erden und beurteilten seine körperliche Erscheinung. Sicher, Johannes  XXVI . besaß nicht die
gravitas
vieler seiner Vorgänger. Er war schmächtig und klein, ja, wirkte beinahe etwas kränklich in dem übergroßen Papstgewand, das ihm hastig angelegt worden war. Zudem sah er schon rein äußerlich wie ein Chinese aus – rundes Gesicht, gelbliche Haut, dunkle Augen und eine flache Nase. Hätte er nicht dieses hohe Amt bekleidet, er wäre in keiner Menschenmenge aufgefallen. Doch die Leute wussten das zu schätzen. Denn streng genommen war er einer von ihnen: unscheinbar, unbedeutend, jemand, den man leicht übersah.
    In China selbst führte die Wahl dieses bescheidenen Mannes zu außergewöhnlichen Reaktionen. Dass einer von ihnen auf den Stuhl des heiligen Petrus gewählt worden war, entzündete eine Flamme, die das ganze Land förmlich in Brand setzte. Millionen Chinesen nahmen den christlichen Glauben an. Sogleich erhob sich eine große Mauer des Glaubens – ein gewaltiges, unvorhergesehenes Bollwerk, mit dem eine in den westlichen Ländern fast untergegangene Kirche befestigt wurde. Dieser Glaube würde auf die Probe gestellt werden.
    Noch am Tag seiner Wahl versammelte Johannes  XXVI . die Kardinäle im Petersdom um sich. Ganz in Weiß gekleidet, umgeben von einem Meer aus Rot, informierte er seine Zuhörer über die Heiligsprechung Kardinal Benellis und verkündete, dass die Untersuchung bezüglich Benellis Kanonisierung umgehend beginnen werde. Dass der neue Papst so rasch zu dieser Entscheidung gelangt war, erstaunte seine Glaubensbrüder. Und auch die Selbstgewissheit, mit der er sprach. Hua wusste, was er wollte – aber vielleicht folgte er auch nur seiner inneren Stimme.
    Doch dies war nichts im Vergleich zu seiner späteren Ankündigung, die die Menschen in eine Art Schockzustand versetzte. Denn nur vier Tage nach seiner Ernennung zum Papst tat Johannes  XXVI . kund, dass es Priestern gestattet sei zu heiraten. Er tat dies ohne vorherige Absprache und in Ausübung der vollen Autorität seines Amtes. Mit einem Schlag revidierte er achthundert Jahre Kirchengeschichte. Denn erst im frühen 13. Jahrhundert hatte die Kirche dem Klerus den Zölibat auferlegt, um so den weitverbreiteten Missstand abzuschaffen, dass Priester mit Konkubinen und Mätressen zusammenlebten. Nun würde es dem Klerus – jedoch nicht Bischöfen und anderen hohen Würdenträgern – gestattet sein, zu heiraten und trotzdem im Amt zu bleiben. Die Spaltung zwischen der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche war im Nu geheilt. Natürlich waren die Falken des Glaubens fassungslos, und es gab jede Menge Streit. Schließlich waren manche Kirchenmänner seit der Kindheit keiner Frau mehr nahegekommen (außer in ihrer Phantasie), und die Vorstellung, sich nachts an einem menschlichen Leib zu wärmen – und nicht mit einer Wärmflasche oder einem Glas Whisky –, war ihnen durchaus neu.

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