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Die irische Heilerin

Die irische Heilerin

Titel: Die irische Heilerin
Autoren: MICHELLE WILLINGHAM
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1. KAPITEL
    Irland, 1175
    „Eileen! Auf dem Feld liegt ein toter Mann!“ Lorcan stürmte in die Steinhütte und hüpfte vor Aufregung von einem Fuß auf den anderen.
    Ein toter Mann? Eileen Ó Duinne ließ eine der Zwiebeln, die sie am Morgen gesammelt hatte, zu Boden fallen und stand auf. „Bist du dir sicher, dass er nicht mehr lebt?“ Sie spürte, wie sie die vage Hoffnung hegte, dass der Mann noch atmete.
    Lorcan zuckte die Schultern. „Er hat sich nicht bewegt. Und da ist überall Blut.“
    Vermutlich hatte der Junge recht. Eileen versuchte, ihre geringe Zuversicht nicht zu groß werden zu lassen. Doch wenn der Verletzte noch nicht tot war, konnte sie ihn vielleicht retten.
    „Wo hast du ihn gefunden?“
    „Ich zeig es dir.“ Lorcan schien einen Augenblick zu überlegen, dann trat ein besorgter Ausdruck in seine braunen Augen. „Werde ich Schwierigkeiten bekommen, weil ich es dir erzählt habe? Er ist doch schon tot.“
    Eileen schüttelte den Kopf. „Mach dir keine Sorgen. Es war richtig von dir, mir davon zu berichten.“
    Es ist verboten zu helfen, warnte sie sich im Stillen selbst. Wenn das Clanoberhaupt Séamus Ó Duinne es herausfand, würde er sie bestrafen. Es war ihr nicht mehr erlaubt, als Heilerin einem der Mitglieder des Stammes zu helfen.
    Aber darüber konnte sie sich jetzt keine Gedanken machen.
    Belisama, bitte, lass ihn noch am Leben sein.
    Lorcan folgte ihr in die Krankenhütte, wo sie frische Leinenbandagen, Beinwell und Schafgarbe in ihren Korb packte. Sie drehte sich um und sah Lorcan an. „Bring mich zu ihm.“
    Der Junge eilte in Richtung der nördlichen Weiden davon. Eileen lief an einigen der benachbarten Cottages vorbei, direkt hinter ihm her. Einer der Männer unterbrach seine Arbeit auf dem Feld und sah ihr voller Abneigung hinterher. Eileen wandte nur mit Mühe den Blick von ihm ab.
    Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, was er denken könnte, redete sie sich gut zu. Du hast nichts Falsches getan. Trotzdem fühlte sie, wie ihr die Demütigung die Wangen rot färbte. Die Dorfbewohner hatten das Unglück, das ihr anhaftete, nicht vergessen.
    Der Morgentau benetzte den Saum ihres Rocks, während sie hinter Lorcan herlief. Der Junge rannte voraus und zeigte auf die windgeschützte Seite des Hügels.
    Hohe Wildgräser wiegten sich in der sommerlichen Brise. Der Körper des Mannes lag mit dem Gesicht nach unten auf einem kleinen niedergedrückten Grasflecken. Die unnatürliche Position seiner Glieder ließ einen Sturz vom Pferd vermuten. Sein Blut färbte das Grün dunkel, und Eileens Hände zitterten, als sie die Finger nach ihm ausstreckte.
    Ein leises Stöhnen drang aus seiner Kehle. Gesegnete Heilige. Er lebte.
    Den Heiligen sei Dank. Sie hatten ihr eine zweite Chance gegeben, sich zu beweisen, und sie hatte vor, sie zu nutzen.
    „Geh und hol Riordan“, sagte sie zu Lorcan. „Ich brauche seine Hilfe, um den Mann von hier wegzubringen. Sag ihm, er soll eines seiner Pferde mitbringen.“
    Sie würde diesen Mann nicht sterben lassen. Egal, was alle anderen von ihren Fähigkeiten dachten, sie würde ihn heilen.
    Nachdem Lorcan losgelaufen war, drehte sie den Mann auf den Rücken. Beim Anblick seines zugeschwollenen Gesichts blieb ihr beinahe das Herz stehen. Trotz seiner Verletzungen erkannte sie ihn. Connor MacEgan. Sie hatte nicht gedacht, dass sie ihn je wiedersehen würde.
    Angst und eine verzweifelte Sehnsucht erfüllten sie, und sie kämpfte mühsam um Fassung. Von allen Männern, die das Schicksal in ihre Hände geben konnte, warum musste ausgerechnet er es sein?
    Sein Gesicht, das Gesicht eines von Gottes Engeln, hatte sie, seit sie ein Mädchen war, bis in ihre Träume verfolgt. Seine festen Lippen, seine gerade Nase und das entschlossene Kinn ließen deutlich die Spuren seiner Wikingervorfahren erkennen. Sein dunkelgoldenes Haar war von Blut verklebt, das langsam aus einer Platzwunde an seiner Schläfe herunterlief.
    Einst hatte sie ihn geliebt. Schmerz durchfuhr sie bei der Erinnerung, aber sie unterdrückte das Gefühl. Ihre Hände zitterten, als sie seine Tunika aufschnürte. Mit ihrem Dolch zerschnitt sie den graubraunen Wollstoff und enthüllte die muskulöse Brust eines Kriegers. Er hatte mehrere Wunden von Dolchen, aber die Schnitte waren nicht tief. Fast sah es aus, als wäre er gefoltert worden …
    Sie drängte den schrecklichen Gedanken beiseite. Wie lange lag er hier schon? Die bleiche Farbe seiner Haut ließ sie sich besorgt fragen, wie viel Blut er

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