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Die Haischwimmerin

Die Haischwimmerin

Titel: Die Haischwimmerin
Autoren: Heinrich Steinfest
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1
    Jeder Mensch stirbt zweimal. Bekanntermaßen am Ende seiner Jahre, aber auch irgendwann zwischendrin. Das hat aber überhaupt nichts mit jenem James-Bond-Titel zu tun, der uns weiszumachen versucht, man würde zweimal leben. Denn zwischen Leben und Sterben gibt es ja wohl einen Unterschied. Wenn man stirbt, ist man nachher auch tot. Ein zweites Mal zu sterben bedeutet nicht automatisch, auch ein zweites Mal zu leben. Nein, leben tut man nur einmal.
    Manche bemerken diesen ersten Tod augenblicklich, andere nach und nach. Meistens tritt er ein, wenn man von einer so absoluten wie schmerzhaften Erkenntnis ereilt wird, ganz wie ein Pfeil, der mitten in die Brust geht und einen tötet. Man läuft den Rest seines Erdendaseins mit diesem Pfeil in der Brust durch die Gegend. Das ist nicht nur ein Bild. Dieser Pfeil steht einem tatsächlich im Wege, beim Arbeiten, beim Faulenzen, beim Liebemachen. Erst recht, wenn auch die andere Person, mit der man da zusammenliegt, einen solchen Pfeil in der Brust trägt. Man kann sich drehen und wenden, wie man will, die verrücktesten Stellungen ausprobieren, zum Therapeuten gehen, Sport treiben, Gewicht verlieren, in den Bauch statt in die Brust atmen, Faktum bleibt, da ist ein Pfeil und dort ist ein Pfeil und die Umständlichkeit beträchtlich.
    Natürlich, man gewöhnt sich an den Pfeil, an die Komplikationen, die er verursacht. Nicht wenige Menschen machen aus der Not eine Tugend und sprechen von Überwindung, von Heilung, von Lebensmut. Sie betteln richtiggehend darum, von weiteren Pfeilen getroffen zu werden, um sich unentwegt überwinden und heilen zu können. Aber so, wie es heißt, jeder Mensch müsse irgendwann einmal sterben, stirbt jeder Mensch eben bloß zweimal und nicht etwa, so oft es ihm paßt.
    Im ersten Teil eines zweiteiligen Auf-der-Erde-Wandelns läuft man dem Pfeil entgegen, man ist, in anderer Bedeutung der Formulierung, ein »bewegliches Ziel«, das sich unwillentlich in die Flugbahn eines Pfeils stürzt. Manche können sich hinterher kaum noch daran erinnern, wie das war, so ganz ohne das Ding in der Brust. Einige idealisieren diese Zeit. Andere wiederum meinen – um den Pfeil besser auszuhalten –, daß diese Zeit gar nicht so schön war und daß die, die so gerne daran zurückdenken, alles nur verklären.
    Ivo Berg gehörte zu den aufgeklärten Verklärern. Er verklärte, was es verdient, verklärt zu werden. Er war unmodern, aber nicht ungebildet. Er wäre nie auf die Idee gekommen, die Schönheit der Heiligen Jungfrau so darzustellen wie Max Ernst, der uns eine ungehaltene Maria präsentiert, die dem Christuskind den Hintern versohlt, bis dieser rot glüht. – Das ist ein geniales Bild, keine Frage. Ivo erkannte das unübersehbar Geniale, mochte es aber trotzdem nicht. Statt dessen Raffael. Ivo war ein Raffaelmensch.
    Â 
    Darf einer sagen, er hätte in seinem Leben echtes Glück erfahren?
    Ivo Berg durfte es. Er konnte das allen Ernstes von sich geben. Nicht einfach nur behaupten, weil man denkt, das Haus der Eltern geerbt, die Tochter des Chefs geheiratet, ein paar stramme Kinder in die Welt gesetzt zu haben, bei der Besetzung eines Postens anderen vorgezogen worden zu sein, dies und anderes würde echtes, wahres Glück bedeuten.
    Diesen Irrtum beging er nicht. Er war dem Glück begegnet, wußte, wie es schmeckt, wie es riecht, wie es sich anfühlt und daß es vor allem nicht umsonst ist. Man muß es bezahlen. Auf eine gewisse Weise bezahlt man es mit dem eigenen Leben, mit dem, was vom Leben übrigbleibt, wenn das Glück wieder gegangen ist. Und daß das Glück geht, daß es verschwindet, ist wahrscheinlich sein wesentlichster Zug. Ohne diesen Plan des Verschwindens könnte es gar nicht existieren. Das Glück geht, der Pfeil kommt.
    Doch solange das Glück da ist, ist man so blind und blöd davon, daß man nicht begreift, es sei einem nur darum widerfahren, weil man zu denen gehört, die es nicht festhalten können. Die, die dazu in der Lage wären, es festzuhalten, toughe, smarte, praxisorientierte Charaktere, wie man so sagt, lebenstüchtige Menschen, um die herum macht das wahre Glück einen großen Bogen, und es ist bloß ein gefälschtes Glück, das sich hergibt, solchen Leuten zu begegnen.
    Paradoxerweise sind es also die von Natur aus eher unglücklichen und schwermütigen und in ihren

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