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Die grünen Augen von Finchley

Die grünen Augen von Finchley

Titel: Die grünen Augen von Finchley
Autoren: Heinz G. Konsalik
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1
    Es war kurz vor Mitternacht. Der 21. März 1983 … Trotz der späten Stunde saß Rechtsanwalt Dr. Pat Woodrof noch an seinem Schreibtisch und bearbeitete Prozeßakten, die er am nächsten Tag für einen Termin brauchte.
    Tief hatte er seinen Kopf über die Papiere gebeugt. Er war so versunken in seine Arbeit, daß die Umwelt für ihn nicht existierte.
    So entging ihm auch, daß sich die Gardine plötzlich bewegte. Ein großer, unheimlicher Schatten huschte über die Terrasse, verharrte vor der angelehnten Tür, und behutsam schob sich eine breite Hand durch den Vorhang.
    In diesem Moment tastete Woodrof, ohne von seiner Arbeit aufzusehen, zur rechts von ihm stehenden Cognacflasche, um sein Glas zu füllen. Da durchzuckte ihn panisches Entsetzen. Statt der Flasche hatte er eine fremde Hand berührt, die ihm nun auch noch den Cognac entzog.
    Der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Fassungslos starrte er den Mann an, der im Halbdunkel des Zimmers stand, einen gurgelnden Schluck aus der Flasche nahm und anzüglich lachte: »Es ist nicht gut, wenn du soviel trinkst, Pat. Du konntest es schon als Student nicht vertragen!«
    Entgeistert sank Dr. Woodrof in den Schreibtischsessel zurück. Seine Augen drückten totale Ratlosigkeit aus. »Jonny!« flüsterte er schließlich. »Jonny – du bist es wirklich?«
    Jonny Woodrof setzte sich auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch. Der Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht und zeigte die verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Bruder. Er hatte die gleichen grünen Augen, das breite Gesicht, die hohe Gestalt.
    »Ja …«, meinte er zynisch grinsend. »Ich hatte halt Sehnsucht nach meinem Zwillingsbrüderchen. Weißt du, in Indien ist es jetzt zu heiß. So an die fünfundvierzig Grad, Pat.«
    Ungeduldig winkte der Anwalt ab. »Erzähl mir bitte keine Märchen! Was suchst du hier in London?«
    »Bin ich nicht hier geboren? Gehöre ich nicht hierher?«
    »Wohl kaum … Brauchst du Geld?«
    »Das auch …«
    »Und du glaubst, ich gebe es dir?«
    »Das nehme ich als sicher an … In Indien hatte ich kein leichtes Leben. Ich war Ingenieur, Steineklopfer, Wahrsager, Fakir und zuletzt Hoteldiener.«
    Der Anwalt schob mit einer energischen Bewegung seine Akten zur Seite. »Komm mir nicht mit diesen Dingen! – All das wäre nicht nötig gewesen, wenn du hier vor drei Jahren deine Finger von fremden Geldern gelassen hättest! Wem also willst du für dein Leben in Indien Vorwürfe machen? – Mir etwa? – Hast du vergessen, daß ich dir damals zur Flucht verholfen und dich vorm Gefängnis bewahrt habe?«
    Jonnys Gesicht verzerrte sich zu einer bösartigen Fratze. »Laß gefälligst diese uralten Kamellen«, knurrte er gereizt.
    Pat konnte sich nur mühsam beherrschen. »Du allein hast sie mit deinem Besuch wieder aufleben lassen. – Wie kannst du es wagen, einfach nach London zurückzukommen? Ohne Rücksicht darauf, daß meine Praxis, mein Leben und alles, was ich mir trotz deiner damaligen Schurkerei aufgebaut habe, durch deine Anwesenheit wieder zerstört werden kann!«
    »Ich verschwinde sofort, wenn du mir Geld gibst. Diesmal nach Südamerika …«
    »Um in drei Jahren wiederzukommen, wie?«
    »Das hängt ganz von der Summe ab, die du für mich locker machen wirst!«
    »Also nichts als gemeine Erpressung!« Pat Woodrof griff mit entschlossenem Gesicht in die Schublade seines Schreibtisches und legte einen geladenen Revolver vor sich hin. »Zur Sicherheit …«, meinte er mit eiskalter Stimme. »Auch unter Brüdern gibt es Momente, wo wenig gesprochen, aber um so mehr gehandelt wird. Hör genau zu: Allein an dir liegt es, ob dieser Fall eintritt oder nicht!«
    Jonny lümmelte sich spöttisch lächelnd auf seinem Stuhl und steckte die Hände in die Taschen des grauen, lässigeleganten Mantels, den er nicht abgelegt hatte. Die Drohung Pats schien einfach an ihm abgeperlt zu sein. Ein Foto, das an ein Aktenstück geheftet war, hatte sein höchstes Interesse geweckt. Es zeigte ein schmales, rassiges Mädchengesicht, mit langen blonden Locken …
    Er beugte sich weit vor und stieß einen gedehnten Pfiff aus. Dann wendete er sich an Pat: »Verdammt! Wer ist denn diese schöne Lady?«
    »Das geht dich gar nichts an!« Der Rechtsanwalt klappte die Akte zu. »Es ist die Tochter Sir John Marshalls, eines meiner wichtigsten Klienten.«
    »Was? Das ist die Tochter des alten Marshall? – Junge, hab' ich da einen Geschmack entwickelt!«
    Pat betrachtete seinen Bruder, als ob er einen

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