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Die Giftmeisterin

Titel: Die Giftmeisterin
Autoren: Eric Walz
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    WANN DIE GESCHICHTE meines Verbrechens begann, weiß ich nicht. War es, als mir die Idee dazu kam? Oder fängt ein Verbrechen nicht schon viel früher an, zu dem Zeitpunkt, an dem die Grundlagen dazu gelegt wurden? Ist der Tod meines ersten Kindes, das vor sechzehn Jahren noch vor der Geburt starb, die Wurzel der Geschehnisse der vergangenen paar Tage? Es folgten noch drei weitere unglückliche Geburten. Sind sie Teil des Übels, das mich befallen hat? Ich werde diese Frage jetzt noch nicht klären können.
    Sehr viel leichter ist es zu bestimmen, wann die Geschichte des Verbrechens, das ich aufgeklärt habe, begann. Für mich begann sie vor ungefähr zwei Wochen, am Tag nach dem zweiten Adventssonntag. Die Ähnlichkeiten zum heutigen Abend sind übrigens verblüffend: Es war bereits dunkel, und meine Nichte Gerlindis saß - genauso wie in diesem Moment - am Kohlefeuer unten in der Wohnhalle und nähte an einem Tuch. Sie konnte mich nicht sehen. Ich beobachtete sie von der Treppe aus, und ich erinnere mich, dass meine Sinne ungewöhnlich wach waren, sodass ich sogar das Geräusch hörte, das der Faden macht, wenn die Nadel ihn durch den Stoff zieht, und das Rosenöl roch, das sie zweifellos aus meinem Zimmer gestohlen und hinter die Ohren getupft hatte. Meine enorme Wachheit und Erregung der Sinne hatte einen ebenso einfachen wie guten Grund,
denn nur ein paar Schritte weiter war mein Gemahl in seinem Zimmer mit seiner Konkubine zusammen.
    Ich fragte mich, soll ich zu Gerlindis gehen und Trost bei ihr suchen? Aber ich hätte zu viel von ihr erwartet, sie wäre nicht in der Lage, mich zu trösten. Absurderweise hätte niemand außer Arnulf, mein Mann, das fertiggebracht.
    Ich ging ins Obergeschoss zurück, an meiner Kammer vorbei in Gerlindis’ Kammer. Sie unterschied sich von meiner nur durch eine Feinheit, die kaum jemandem auffiel, für mich jedoch ein bedeutendes Wesensmerkmal darstellte. Auf dem Tisch lag - die geschliffene Metallfläche nach unten - ein Handspiegel.
    Ich nahm ihn auf. Es musste drei oder vier Jahre her sein, dass ich mich zuletzt betrachtet hatte. Ich besaß keinen Spiegel. Morgens machte mich stets die Zofe zurecht, und außer gelegentlich ein wackeliges Bild in einer Wasserschale bekam ich von meinem Gesicht nichts zu sehen. Mein burgundisches Naturell und meine Jugend in einfachen Verhältnissen hatten mich uneitel gemacht.
    Zu sagen, ich wäre erschrocken, würde nicht wiedergeben, was ich in diesem Augenblick fühlte. Erschrecken gibt es nur, wenn etwas Unerwartetes eintrifft. Was ich hingegen im dürftigen Schein der Öllampe erblickte, hatte ich erahnt: eine Frau von über vierzig Jahren, deren Augen sich mit Schatten gefüllt hatten. Mit viel Mühe hatte ich jahrelang erfolgreich gegen Kummer und Traurigkeit und Groll angekämpft und erhielt jetzt die Bestätigung, dass mich dieser Kampf müde gemacht hatte. Von den Augen, die ja stets die ersten Künder der Gefühle sind, griff die Müdigkeit bereits auf meine Gesichtszüge über. Am Rand meiner Augen, an meiner Nase entlang und an meinen Mundwinkeln zogen sich feine Linien nach unten. Vielleicht
war das der Lauf der Dinge, das Schicksal des Alters, aber gerade die kleinen Falten an den Mundwinkeln ließen mich, die ich mutig den Widernissen getrotzt hatte, mutlos erscheinen. Ich fühlte mich betrogen. Ja, genau das. Ich war eine Betrogene, Getäuschte, und zugleich war ich eine Täuscherin, die schwächer wirkte, als sie war. Denn dieses Gesicht spiegelte nur einen Teil meines Wesens wider. Noch immer besaß ich Humor und lachte gerne, wenngleich vornehmer als noch vor zwanzig Jahren. Und noch immer war Liebe in mir. Wo stand all das in meinem Gesicht geschrieben?
    Allein auf meinen rosigen Wangen glänzte noch die Jugend, die ich längst verloren glaubte. Da waren sie, die rastlose Frische, die Erwartung einer gesegneten Zukunft, die Neugier, Frechheit und Beredsamkeit, die ich früher besessen hatte.
    Kurz davor, den Spiegel zu Boden zu werfen, erinnerte ich mich gerade noch rechtzeitig daran, wie viel Freude er Gerlindis machte. Sie ist in ebenso bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen wie einst ich, und als ich sie vor einem Jahr, nach ihrer Ankunft in Aachen, fragte, was ich ihr schenken dürfte, wünschte sie sich den ersten Spiegel ihres Lebens. Siebzehnjährige Frauen wie Gerlindis fühlen sich nun

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