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Die Geschwister Oppermann - Wartesaal-Trilogie: [2]

Die Geschwister Oppermann - Wartesaal-Trilogie: [2]

Titel: Die Geschwister Oppermann - Wartesaal-Trilogie: [2]
Autoren: Lion Feucht Wanger
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überschätzt worden. Heute kennt ihn kein Mensch mehr. Aber was Gustav Oppermann an dem Bild liebte, war eben etwas anderes als der Kunstwert. Er und seine Geschwister erblickten in diesem seinem bekannten Porträt den Mann selbst und sein Werk.
    An sich war das Lebenswerk dieses Immanuel Oppermann nichts Großes, es war Geschäft und Erfolg. Aber für die Geschichte der Berliner Judenheit war es mehr. Die Oppermannssaßen seit urdenklichen Zeiten in Deutschland. Sie stammen aus dem Elsaß. Sie waren dort kleine Bankiers gewesen, Kaufleute, Silber- und Goldschmiede. Der Urgroßvater der heutigen Oppermanns war aus Fürth in Bayern nach Berlin gezogen. Der Großvater, dieser Immanuel Oppermann, hatte in den Jahren 1870/71 für die in Frankreich operierende deutsche Armee ansehnliche Lieferungen durchgeführt; in einem Schreiben, das jetzt eingerahmt im Chefkontor des Möbelhauses Oppermann hing, bezeugte der schweigsame Feldmarschall Moltke Herrn Oppermann, daß dieser der deutschen Armee gute Dienste geleistet habe. Wenige Jahre darauf hatte Immanuel das Möbelhaus Oppermann gegründet, ein Unternehmen, welches Hausrat für den Kleinbürger herstellte und durch Standardisierung seiner Erzeugnisse seine Kundschaft preiswert bediente. Immanuel Oppermann liebte seine Kunden, tastete sie ab, lockte ihre verborgenen Wünsche aus ihnen heraus, schuf ihnen neue Bedürfnisse, erfüllte sie. Weithin erzählte man sich seine jovialen Witze, die gesunden Berliner Menschenverstand mit seinem persönlichen, wohlwollenden Skeptizismus behaglich mischten. Er wurde eine populäre Figur in Berlin und bald über Berlin hinaus. Es war keine Überheblichkeit, wenn später die Brüder Oppermann sein Porträt zur Handelsmarke des Möbelhauses machten. Durch seine feste, vielfältige Verknüpfung mit der Bevölkerung trug er dazu bei, die Emanzipation der deutschen Juden aus papierenen Paragraphen in eine Tatsache zu verwandeln, Deutschland den Juden zu einer wirklichen Heimat zu machen.
    Der kleine Gustav hatte seinen Großvater noch gut gekannt. Dreimal in der Woche war er in seiner Wohnung gewesen, in der Alten Jacobstraße, im Zentrum Berlins. Das Bild des ziemlich feisten Herrn, wie er behaglich in seinem schwarzen Ohrensessel saß, Käppchen auf dem Kopf, ein Buch in der Hand oder auf dem Schoß, oft ein Glas Wein neben sich, hatte sich dem Jungen tief eingeprägt, Respekt einflößend und zugleich Vertraulichkeit. Er fühlte sich in derWohnung des Großvaters fromm und dennoch heimelig. Ungehindert durfte er hier in der riesigen Bibliothek herumkramen; hier hatte er gelernt, Bücher zu lieben. Der Großvater ließ es sich nicht verdrießen, ihm, was er an den Büchern nicht verstand, auszuklären, schlau aus seinen schläfrigen Augen blinzelnd, zweideutig, daß man nie wußte, war es Spaß oder Ernst. Niemals später hatte Gustav so deutlich begriffen, daß, was in diesen Büchern stand, Lüge war und dennoch wahrer als die Wirklichkeit. Fragte man den Großvater, dann erhielt man Antworten, die von anderem zu handeln schienen als die Frage; aber zuletzt erwiesen sie sich doch als Antworten, ja als die einzig richtigen.
    Gustav Oppermann, wie er jetzt vor dem Bilde stand, dachte nichts von alledem. Aber er sah alles in dem Bild. In den gemalten Augen war so viel von der gutmütigen, hinterhältigen Weisheit des Alten, daß sich Gustav davor klein und doch geborgen fühlte.
    Vielleicht war es nicht gut für das andere Bild, für das Bild im Arbeitszimmer, für das Porträt Sybil Rauchs, daß es jetzt diese Entsprechung bekam. Keine Frage, André Greid, der Maler dieses Porträts, war dem alten, simplen Alexander Joels an Kunst und Technik zehnmal überlegen. Auf seinem Bild war viel weiße Fläche; er hatte gewußt, daß das Bild an dieser hellen Wand hängen sollte, und hatte die ganze Wand als Hintergrund mitwirken lassen. Aus dieser hellen Wand heraus trat nun scharf, eigenwillig Sybil Rauch. Dünn, entschieden stand sie da, das eine Bein leicht vorgesetzt. Auf langem Hals hob sich lang der Kopf, unter einer hohen, schmalen, eigensinnigen Stirn schauten eigensinnige Kinderaugen, die Jochbogen prägten sich stark. Das lange Untergesicht wich zurück und endete in einem kindlichen Kinn. Es war ein Bild ohne Kompromisse, ein sehr deutliches Bild; »bis zur Karikatur deutlich«, maulte Sybil Rauch, wenn sie schlechter Laune war. Aber das Porträt unterschlug auch nichts von dem, was einen an Sybil Rauch anzog. Trotz ihrer

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