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Die Geschichte eines Sommers

Die Geschichte eines Sommers

Titel: Die Geschichte eines Sommers
Autoren: Wingfield Jenny
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1
    Columbia County, Arkansas – 1956
    John Moses hätte sich keinen schlechteren Tag zum Sterben aussuchen können – und auch keine schlechtere Art zu sterben, selbst wenn er die sein Leben lang geplant hätte. Was durchaus möglich war. Er war nämlich stur wie ein Maulesel. An dem Wochenende sollte das Familienfest der Moses stattfinden, und alles war perfekt – oder zumindest absolut normal –, bis John auftauchte und die Normalität ruinierte.
    Das Familienfest fand immer am ersten Sonntag im Juni statt. Das war schon immer so gewesen. Es war Tradition, und John Moses bestand auf Traditionen. Fast jedes Jahr bat ihn seine Tochter Willadee, die im Süden, in Louisiana, lebte, ob er den Termin nicht vielleicht auf den zweiten Sonntag im Juni oder auf den ersten im Juli verlegen könnte, doch darauf gab John unweigerlich die gleiche Antwort.
    »Lieber würd’ ich in der Hölle schmoren.«
    Willadee erinnerte ihren Vater dann daran, dass er nicht an die Hölle glaube, worauf John erwiderte, er würde nicht an Gott glauben, das mit der Hölle sei aber noch nicht endgültig geklärt. Und wenn es die Hölle denn gäbe, fügte er stets hinzu, dann wäre das Schlimmste an ihr, dass Willadees Ehemann Samuel Lake zusammen mit ihm dort landen würde, da er ein Prediger war, und Prediger – und Methodisten wie Samuel im Besonderen – wären ja bekanntlich die schlimmsten Gauner überhaupt.
    Willadee widersprach ihrem Dad nie. Allerdings begann am ersten Sonntag im Juni auch immer die Jahresversammlung, auf der alle Methodistenpfarrer von Louisiana von ihren Bezirkssuperintendenten erfuhren, wie zufrieden oder unzufrieden ihre Gemeinden im vergangenen Jahr mit ihnen gewesen waren und ob sie in der jetzigen Gemeinde bleiben durften oder weiterziehen mussten.
    Samuel musste normalerweise weiterziehen, denn er war jemand, der viele Leute verärgerte. Wohlgemerkt tat er das nicht mit Absicht. Er verhielt sich nur immer so, wie er es für richtig hielt. So fuhr er beispielsweise sonntagmorgens in die Pampa, lud sein schrottreifes Auto voll mit Armen – manchmal sogar mit zerlumpten und barfüßigen Armen – und fuhr sie in die Stadt zum Gottesdienst. Das alles wäre ja gar nicht mal so schlimm gewesen, hätte er zwei getrennte Gottesdienste abgehalten, einen für die Armen aus der Pampa und einen für die feinen, aufrechten Bürger, deren Kleidung und Schuhe vorzeigbar genug waren, damit sie in den Himmel kommen würden, ohne dass man ihnen irgendwelche Fragen stellen musste. Doch Samuel Lake war der lästigen Meinung, Gott würde alle Menschen gleich stark lieben. Wenn man außerdem bedenkt, dass er nach Auffassung einiger Leute mit übertriebener Inbrunst predigte, häufig sogar zur Betonung auf die Kanzel schlug und Dinge sagte wie: »Wenn ihr daran glaubt, sagt Amen«, obwohl er ganz genau wusste, dass Methodisten auf so etwas gern verzichteten, dann kann man nachvollziehen, was seine Gemeinden mit ihm mitmachen mussten.
    John Moses kümmerten Samuels Verpflichtungen jedenfalls einen Dreck. Er würde keine Moses-Tradition über den Haufen werfen, nur weil Willadee so blöd gewesen war, einen Prediger zu heiraten.
    Allerdings war Samuel gar kein Prediger gewesen, als Willadee ihn geheiratet hatte, sondern ein großer, strammer Bauernjunge, stark wie ein Ochse und gefährlich gut aussehend. Schwarze Haare und blaue Augen – eine Mischung aus Waliser und Ire, so in der Art. Mehrere junge Frauen im Columbia County hatten eine Woche lang krank im Bett gelegen, als Samuel die unscheinbare, stille Willadee Moses heiratete.
    Samuel Lake war unglaublich, wunderbar und furchteinflößend zugleich, schrecklich jähzornig und atemberaubend zärtlich, und wenn er liebte, liebte er von ganzem Herzen. Er besaß eine klare Tenorstimme und konnte Gitarre, Geige und Mandoline spielen, ja beinah jedes Instrument, das man sich nur vorstellen kann. Früher hatten die Leute im ganzen County über Samuel und seine Musik geredet.
    »Sam Lakes Stimme klingt so lieblich wie das Säuseln des Winds in den Pappeln.«
    »Er kann die Saiten zum Reden bringen.«
    »Bei ihm reden sie sogar in Zungen.«
    Jedes Jahr am ersten Tag der Sommerferien packten Samuel und Willadee ihre Kinder ins Auto und fuhren in den Süden von Arkansas. Willadee war schon überall mit Sommersprossen übersät, wo die Sonne nur hinkam, doch immer kurbelte sie das Fenster hinunter und ließ ihren Arm hinaushängen, und so verlieh ihr Gott noch einige mehr davon. Ihr

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