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Die geprügelte Generation

Die geprügelte Generation

Titel: Die geprügelte Generation
Autoren: Ingrid Müller-Münch
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sie eine Freundin, der es ähnlich schlimm erging, auch wenn deren Eltern nie handgreiflich wurden. »Aber die musste, schon als sie noch sehr klein war, in den Kohlenkeller gehen und wurde dort eingesperrt. In den dunklen Keller. Bis das Trotzköpfchen wieder ruhig war.«
    Glück gehabt
    Eigentlich hatte ich mich an Professor Ulf Preuss-Lausitz gewandt, weil er an der Berliner TU Hochschullehrer für Erziehungswissenschaft war, mit dem Schwerpunkt »Entwicklung von Kindern«. Er sollte mir als Experte helfen, die Schilderungen meiner Interviewpartner zeitgeschichtlich einzuordnen. Doch dann kam auch er zunächst auf seine Kindheit zu sprechen. Darauf, dass es bei ihm zu Hause Schläge nur als Androhung gab, die aber nie in die Tat umgesetzt wurde. Er kannte Prügel nur aus Andeutungen, die andere Kinder in der Schule machten. Aber an äußeren Merkmalen, am Verhalten seiner Schulkameraden erkannte Preuss-Lausitz als Jugendlicher sehr genau, in welchen Familien Gewalt zur Tagesordnung gehörte: »Das sah man diesen Kindern an, sie wirkten meistens relativ verschüchtert.«
    Da sein Vater Lehrer war und die Familie in eher bürgerlichintellektuellen Kreisen verkehrte, galt körperliche Gewalt gegenüber Kindern bei ihm zu Hause als abzulehnende, ausgesprochen proletarische Erziehungsmethode. »Als Unterschichtverhalten würde man heute sagen. So etwas gehörte sich nicht. Meine Eltern waren da doch relativ streng, fanden, so etwas dürfe – wenn überhaupt – nur im Ausnahmefall vorkommen.« Ansonsten sollte man sich als Kind bitte schön anständig benehmen.
    Trotz dieses gewaltfreien Elternhauses verhielt sich auch der kleine Ulf den Erwachsenen gegenüber eher vorsichtig. »Wenn wir mal auf den Feldern Äpfel klauten und der Nachbar uns erwischt hatte und uns verprügelte, haben wir das zu Hause geheim gehalten. Weil man schon damit rechnen musste, noch zusätzlich bestraft zu werden. Es hat einen ganz anderen Umgang mit Gewalt in den Familien gegeben, als das heute üblich ist. Das war normal. Das war sehr verbreitet. Das war auch generell akzeptiert. Es war durchaus klar, dass man das hinnehmen musste, wenn es passierte«, so Preuss-Lausitz.
    Als ich mit der 55-jährigen Kindertherapeutin Claudia darübernachdachte, wie viele der in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsenen Kinder zu Hause wohl körperlicher Gewalt ausgesetzt waren, reagierte sie auf eine Weise, die mir inzwischen nur allzu vertraut ist. Sehr viele Kinder wurden damals geschlagen, meinte sie, sehr, sehr viele. Aber sie sei da ganz anders großgeworden, bei ihr zu Hause sei so etwas nicht üblich gewesen. Sie zögerte kurz, schränkte das etwas ein und erklärte, »jedenfalls nicht systematisch. Es war also kein explizites Erziehungsmittel.«
    Dann fiel ihr wieder ein, dass auch ihren Eltern hin und wieder die Hand ausgerutscht war. »Dafür hat sich nie jemand entschuldigt«. Geradezu aufgebracht beschrieb sie, wie ihre Schwester und sie häufig keinen Anlass dafür ausmachen konnten, weshalb sie nun eine Ohrfeige bekamen. Oft empfanden sie die Gründe, die von den Eltern hierfür angegeben wurden, als ungerecht, wenig überzeugend. »Wenn man einen Teller hat fallen lassen, zum Beispiel. Oder wenn man aus Versehen jemanden geschubst hatte.«
    Das erinnerte mich an ein Beispiel aus einem Erziehungsratgeber des Theologen und Pädagogen Christian Gotthilf Salzmann aus dem Jahr 1780. In seinem »Krebsbüchlein« – einer ironisierten »Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder« – beschreibt Salzmann die Geschichte des kleinen Lottchens, das für die Mutter einen Blumenstrauß binden will. Dazu pflückt und rupft Lottchen Blumen aus dem Garten, dekoriert sie liebevoll auf einem Porzellanteller. Der gleitet ihr aus der Hand. Aus Unachtsamkeit »pauz, da ging der Teller in hundert Stücke. Die Mutter sprang sogleich zur Tür heraus, holte eine dicke Rute, und ohne sich nur mit einem Worte zu erkundigen […] ging sie auf dasselbe zornig los.«
    Über 200 Jahre später beschrieb die Schriftstellerin Ulla Hahn eine ähnliche Szene in ihrem Roman »Das verborgene Wort«. Darin hatte die kleine Hildegard, Ulla Hahns Protagonistin, eine Tasse fallen lassen, die in sieben glatte Stücke zerbrach. Es war ausgerechnet die Tasse mit den Vergiss-mein-nicht-Girlandenum den Goldbuchstaben »Fern gedenk ich Dein«, die der Vater der Mutter geschenkt hatte, als er noch um sie warb. Abends zerrte sie der Vater am

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