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Die Geister schweigen: Roman (German Edition)

Die Geister schweigen: Roman (German Edition)

Titel: Die Geister schweigen: Roman (German Edition)
Autoren: Care Santos
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gestört hatte. Liebend gern wäre sie ausgestiegen, um einen Strauß Margeriten zu kaufen, der Lieblingsblume von Doña Maria del Roser, aber sie waren in Eile und konnten sich nicht länger aufhalten.
    Als sie auf Höhe der Calle Portaferissa ankamen, wendete der Wagen, um in die entgegengesetzte Richtung zu fahren, vorbei am Palacio Moja, bei dem die Fensterläden offen standen, als hätte jemand beschlossen, die edlen Gemächer zu lüften. Genau wie Concha war dies auch einem Fußgänger aufgefallen, der einfach stehengeblieben war und neugierig zu den Gemälden und Deckenmedaillons des Palastes hochblickte. Die Kurve riss die Señora aus ihren Träumen.
    »Hast du daran gedacht, die Maultiere zu wechseln?«, fragte sie. »Ich will nicht noch mehr Zeit verlieren.«
    »Automobile benötigen keine Maultiere mehr, Señora. Das macht jetzt alles der Motor.«
    Der Wagen war eine Laune von Don Rodolfo gewesen. Vor fast drei Jahrzehnten hatte der Señor den Auftrag erteilt, ihn in Frankreich zu erwerben, angeregt durch eine Reklame, in der es hieß: »Citroën mit Karosserie in eleganter Limousine-Torpedo-Ausführung«. Kein fortschrittlicher Geist hätte so einer Beschreibung widerstehen können. Dieser Citroën war eines der ersten Autos in der Stadt – das Kennzeichen trug die Ziffer vier – und wurde so bewundert, dass anfangs die Passanten beim Vorbeifahren applaudierten.
    »Verlass dich nicht darauf und schau nach dem Maultier …«, mahnte die Señora, ehe sie den Kopf auf die Brust fallen ließ und wieder in tiefen Schlaf fiel.
    Beim Teatro Coliseum wurde für den Abend des Weihnachtsfeiertages die Galavorstellung eines Films mit Harold Lloyd angekündigt. Einige Leute warteten neben dem Kartenschalter; nur wenige Meter weiter waren mehrere Herren heftig gestikulierend in ein lautes Gespräch verwickelt. Concha seufzte gelangweilt: So viel Enthusiasmus konnte nur der Katalanismus oder die Wirtschaftskrise hervorrufen. Ihr schien, dass sich die Männer in dieser weichen und anregenden Sprache unterhielten, die sich gleichermaßen dafür eignet, Republiken auszurufen wie Melonen zu verkaufen, doch sie mutmaßte, dass die Herren das erste Thema diskutierten.
    Als die Zeit für das Mittagessen längst verstrichen war, kamen sie in dem prächtigen Familiensitz an. Früher wäre der Señora so eine Nachlässigkeit nicht unterlaufen. Festgelegte Uhrzeiten wurden peinlich genau eingehalten und bildeten das Räderwerk, mit dessen Hilfe die Familie Lax garantiert funktionierte. Um Viertel nach acht wurde gefrühstückt, zwischen zwölf und halb zwei ging man spazieren, pünktlich um zwei Uhr gab es das Mittagessen, der Rosenkranz wurde abends um sieben Uhr gebetet – mittwochs eine Viertelstunde später –, und anschließend gab es Abendessen. All das bot keinen Raum für irgendwelche Abweichungen. Mittwochs hielt die Señora ihre Treffen in der Bibliothek ab, donnerstags wurden Gäste empfangen, und sonntags besuchten alle die Zwölf-Uhr-Messe in der Iglesia de la Concepción, deren Pfarrer, Padre Eudaldo, üblicherweise danach mit der Familie zu Mittag aß. So verstrich beständig eine Woche nach der anderen, bis Weihnachten, die Karwoche und Ostern oder die Sommerfrische diese Routine unterbrachen.
    An jenem 24. Dezember bat die Señora, ihr nur einen Tee auf ihr Zimmer zu bringen, und zog sich zurück, ohne jemanden zu begrüßen. Ihr Sohn Amadeo hatte am Esstisch auf sie gewartet – den geraden Rücken gegen die gepolsterte Lehne gepresst. Er begann zu essen, als er es leid war, der Suppe beim Erkalten zuzusehen, und war äußerst verärgert. Teresa, seine Frau, versuchte ihre Schwiegermutter mit deren Krankheit zu entschuldigen. Aber nicht nur deswegen verlief die Mahlzeit der Eheleute gedämpft und freudlos. Und schweigsam.
    Am Nachmittag brachten mehrere Boten des Warenhauses die Einkäufe, die sorgfältig verpackt waren. Das Personal verstaute sie einstweilen in dem Lagerraum neben der Vorratskammer, ehe weitere Anweisungen dafür erteilt wurden. In der Küche herrschte wegen der Vorbereitungen für das Essen am nächsten Tag hektisches Treiben. Das Abendessen am Weihnachtsabend hingegen stellte für die Familie keine besondere Tradition dar: Alle Vorbereitungen galten dem Mittagessen am ersten Weihnachtsfeiertag.
    Maria del Roser verließ den gesamten Nachmittag nicht mehr ihre Gemächer. Später rief sie nach Antonia, die ihr beim Zubettgehen helfen sollte. Die Angestellte, die erst vor vier Jahren

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