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Die Frau von Tsiolkovsky (German Edition)

Die Frau von Tsiolkovsky (German Edition)

Titel: Die Frau von Tsiolkovsky (German Edition)
Autoren: Harald Muellner
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1
    1973
    Aufgefallen war es ihr das erste Mal
am Tag zuvor. Doch da dachte sie aufgrund einer Reizüberflutung und der
fremdartigen Umgebung, einer Sinnestäuschung erlegen zu sein. An diesem Tag
grübelte sie erneut über der Frage, was wohl diese schmutzig-grauen Lippen in
ihrem sonst so ebenmäßigen Gesicht zu suchen hatten. Es war eine unschöne Sache
und damit ein Problem äußerster Dringlichkeit. Ohne ihre Gehirnzellen weiter zu
strapazieren, schritt sie zur Tat. Sie nahm die Verschlusskappe vom
Lippenstift, drehte daran, bis die Spitze zum Vorschein kam und trug gewissenhaft
Farbe auf ihren Mund auf. Die Lippen gegeneinander pressend betrachtete sie das
Ergebnis; doch es war keineswegs besser als zuvor. Stumpf und grau wirkten die
Pigmente, Farbe wollte sich unter diesem abartigen Licht einfach nicht einstellen.
Sie erschrak, als sie mit dem Kopf gegen die Konsole stieß.
    »Mist, verdammter!« entschlüpfte es ihrem Mund, der an einem
sonnigen Erdentag zauberhaft und verführerisch ausgesehen hätte. Der Spiegel
entglitt ihrer Hand und tanzte in einer unkontrollierbaren Torkelbewegung neben
ihrem Kopf. Reflexartig fischte sie nach ihm und bekam ihn auch gleich beim fünften
Mal zu fassen. Verärgert, nun die eben noch makellose Oberfläche des
Taschenspiegels mit ihren Fingerabdrücken übersät zu haben, durchstöberte sie
ihren Overall nach einem Taschentuch.
    »Barbarella, Houston! Wir müssen sofort –«
    Ein Ruck ging durch die Kapsel. Lippenstift und Spiegel segelten
gegen das Schott und Jane selbst landete unsanft mit jenem Körperteil darauf, der
wie geschaffen dafür schien, den Aufprall am besten abzufedern – nein, es war
nicht ihre Brust.
    »… eine kleine Kurskorrektur vornehmen«, schnarrte es aus
dem Lautsprecher, »damit wir auf dem ursprünglich vorgesehenen Korridor in die
Umlaufbahn einschwenken können.«
    »Mist«, fluchte Jane etwas lauter und rieb sich mit der rechten
Hand ihren Hintern.
    »Barbarella, wiederholen Sie?«, knackte die Stimme des
Capcom.
    »Geht in Ordnung«, kam es von Jane genervt.
    »Die Funkverbindung ist äußerst schlecht, Barbarella«,
krächzte die Stimme aus dem Äther. »Wir haben nur Mist verstanden.«
    »Verstanden!«, antwortete Nicole und schaltete den Funkkanal
ab.
    »Was würde ich dafür geben, wenn die Verbindung wirklich
schlecht wäre.«
    »Kann ich gut verstehen. Die Jungs von Mission Control sind
manchmal ziemlich nervig.« Eine nachdenkliche Pause entstand. »Glaubst du, die
Nasa würde uns drei ein zweites Mal auf den Mond schießen? Ich meine, wenn sie
das Geld hätte.«
    »Einmal sollte doch eigentlich reichen«, sagte Jane und
strahlte die Pilotin der Landfähre verschmitzt an.
    Deren Miene verfinsterte sich von Sekunde zu Sekunde. Nicole
legte einen Schalter an der Konsole um. Das Licht ging aus; homöopathisch blinzelte
die Sonne mit spärlichen Strahlen durch die kaum vorhandenen Fenster. Janes
Gesicht lag nun komplett im Dunklen und ihr Teint sah aus, als hätte sie gerade
einen vierwöchigen Badeurlaub in Cocoa Beach sonnenbadend hinter sich gebracht.
Erneut kippte Nicole zwei Schalter und ebenso viele Lampen, grell und üppig
fluteten das winzige Interieur in gleißendem Weiß. »Auch nicht besser«, meinte
Nicole, nachdem sie eine kleine Ewigkeit lang ihren Blick an Janes Lippen
geheftet und diese einer sorgfältigen Prüfung unterzogen hatte. Sie knipste das
zweite Licht wieder aus.
    »Was?«
    »Dein Lippenstift. Wo hast du denn diese grauenhafte Farbe her?
Die sieht ja aus, als wäre überhaupt keine Farbe drinnen – wie das Grau an
einem regnerischen, vernebelten Novembertag in Paris.«
    »Oder einem verregneten, nebeligen Tag auf dem Mond«,
mischte sich Gayle in die Unterhaltung, die sich bei dem Krach nicht einmal ein
Quäntchen Schlaf erträumen konnte.
    »Es gibt keinen Regen und keinen Nebel auf dem Mond«,
stellte Jane bestimmt fest.
    »Warum kannst du dir da so sicher sein? Du warst, so wie
ich, ja auch noch nie dort.«
    Jane zog die Augenbrauen hoch, schielte erst zu Nicole und warf
anschließend Gayle einen strafenden Blick zu.
    »Vielleicht hat es einfach nicht geregnet an den paar Tagen,
an denen die Kollegen vor uns hier gewesen waren.«
    »So wird es gewesen sein, meine Liebe«, meinte Nicole und
ihr Sarkasmus nahm dabei die gesamte Breite der Kapsel ein.
    Gayle schwebte unter ihrer Liege hervor und nahm die
Schlafmaske vom Gesicht, ihr blondes, langes Haar mühe- und schwerelos in alle
Richtungen abstehend. Ihre

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