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Die Frau mit dem roten Tuch

Die Frau mit dem roten Tuch

Titel: Die Frau mit dem roten Tuch
Autoren: Jostein Garder
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    Hier bin ich, Steinn. Es war wie ein Zauber, dich wiederzusehen. Und ausgerechnet dort! Du warst so verdutzt, dass du fast über die eigenen Füße gestolpert wärst. Glaub mir, das war keine zufällige Begegnung. Hier waren Kräfte am Werk!
    Vier Stunden waren uns gegönnt. Was heißt gegönnt: Niels Petter fand das Ganze gar nicht lustig. Erst in Førde hat er wieder mit mir geredet.
     
    Wir sind einfach durchs Mundalstal nach oben gestiegen. Nach einer halben Stunde standen wir wieder vor dem Birkenwäldchen …
     
    Auf dem ganzen Weg haben wir kein Wort gewechselt. Darüber, meine ich. Über alles andere haben wir geredet, aber darüber nicht. Wie damals, als wir es auch nicht schafften. Wir waren unfähig, uns dem, was geschehen war, gemeinsam zu stellen. So sind wir an der Wurzel verfault, vielleicht nicht du als du und nicht ich als ich, aber wir als wir beide. Wir schafften es nicht einmal, einander eine gute Nacht zu wünschen. Ich erinnere mich, dass ich in der letzten Nacht in unserer gemeinsamen Wohnung auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen habe. Und ich erinnere mich an den Geruch der Zigaretten, die du nebenan im Schlafzimmer geraucht hast. Ich bildete mir ein, durch die Wand und die geschlossene Tür hindurch deinen gesenkten Kopf zu sehen. Du hast über deinen Schreibtisch gebeugt gesessen und geraucht. Amnächsten Tag bin ich ausgezogen, und wir haben uns nicht wiedergesehen, mehr als dreißig Jahre lang. Das ist nicht zu begreifen.
    Und jetzt erwachen wir plötzlich aus unserem Dornröschenschlaf – wie vom selben wundersamen Signal geweckt. Wir nehmen ganz unabhängig voneinander noch einmal dort Quartier. Am selben Tag, Steinn, in einem neuen Jahrhundert. In einer vollkommen neuen Welt. Nach über dreißig Jahren!
    Erzähl mir bitte nicht, das sei Zufall gewesen. Behaupte nicht, da gäbe es keine Regie!
    Der Gipfel des Surrealistischen war, als auch noch die Hotelbesitzerin auf die Veranda trat. Damals war sie die junge Tochter des Hauses gewesen, auch für sie waren über dreißig Jahre vergangen. Ich glaube, sie hatte das Déjà-vu ihres Lebens. Erinnerst du dich, was sie gesagt hat: Wie schön zu sehen, dass ihr noch immer zusammen seid! Das tat weh. Aber es hatte natürlich auch etwas Komisches, schließlich hatte sie uns seit jenem Morgen Mitte der siebziger Jahre, an dem wir auf ihre drei kleinen Mädchen aufpassten, nicht mehr gesehen. Wir hatten ihr diesen Gefallen getan, weil sie uns Fahrräder und ein kleines Kofferradio geliehen hatte.
     
    Sie rufen nach mir. Es ist ein schöner Juliabend, und wir führen hier am Meer ein Ferienleben. Ich glaube, sie haben Forellen auf den Grill gelegt. Und Niels Petter bringt mir einen Schnaps. Er gibt mir zehn Minuten, um die Mail zu beenden, und die Zeit brauche ich auch, denn ich möchte dich um etwas Wichtiges bitten.
     
    Wollen wir einander feierlich versprechen, dass wir alle unsere Mails löschen, sobald wir sie gelesen haben? Ich meine,sofort, auf der Stelle. Und natürlich lassen wir konsequent die Finger vom Drucker.
    Ich stelle mir unseren neuen Kontakt lieber als vibrierenden Gedankenstrom zwischen zwei Seelen vor denn als festen Briefwechsel, der dann für alle Zeit zwischen uns steht. So könnten wir auch über alles schreiben.
    Wir sind beide verheiratet, und wir haben Kinder. Mir gefällt die Vorstellung nicht, alles Mögliche im Speicher des Rechners liegen zu haben.
    Wir wissen alle nicht, wann wir aufbrechen müssen. Aber eines Tages werden wir uns von diesem Karneval mit all seinen Masken und Rollen verabschieden und nur eine Handvoll flüchtige Requisiten zurücklassen, ehe auch die vom Spielfeld des Lebens gefegt werden.
    Wir müssen irgendwann heraus aus der Zeit, aus dem, was wir »Wirklichkeit« nennen.
     
    Die Jahre vergehen, aber der Gedanke, dass etwas von dem, was damals geschehen ist, plötzlich wiederkehren könnte, lässt mir keine Ruhe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir jemand auf dem Fuß folgt oder mir plötzlich in den Nacken haucht.
    Ich werde nie das Blaulicht in Leikanger vergessen, und ich zucke noch immer zusammen, wenn hinter mir ein Streifenwagen auftaucht. Vor einigen Jahren klingelte einmal ein uniformierter Polizist an meiner Tür. Er muss bemerkt haben, wie ich mich erschrocken habe. Dabei wollte er sich nur nach einer Adresse in der Nachbarschaft erkundigen.
    Du findest sicher, dass ich mir unnötig Sorgen mache. Und sowieso wäre die Sache, juristisch gesehen, verjährt.
    Aber

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