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Die Frau im Kühlschrank

Die Frau im Kühlschrank

Titel: Die Frau im Kühlschrank
Autoren: Gunnar Staalesen
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1
    Das kleine Holzhaus lag auf der Mitte von Dragfjellstrappen, die wie eine Pariser Seitengasse am Dragfjell hinaufsteigt. Auf dem Türschild stand der richtige Name: Samuelsen .
    Es war ein kalter trostloser Tag Anfang November. Ich klingelte, blieb an der Türschwelle stehen und wartete. Sie hatte gesagt, daß sie schlecht zu Fuß sei und daß es einen Moment dauern würde. Es roch schal nach altem Holz und frischem Ofenrauch in der engen Gasse. Der Rauch zog rußig über die Hausdächer, und rund um die Stadt, die Berghänge hinauf, lag der erste Frost wie weiße Nebelschwaden.
    Die Frau, die öffnete, war Anfang Sechzig. Ihr Haar war am Ansatz weiß, an den Spitzen goldbraun. Es war zu einer Art Pagenfrisur geschnitten, mit scharfen Kanten. Das Gesicht war knittrig von Falten. Der Mund war verkniffen und klein, und das Kinn stand vor wie eine kleine Skisprungschanze. Es war etwas Bestimmtes und Energisches an ihrer gesamten Kieferpartie.
    Die Augen wirkten eher unsicher. Sie waren hell und blau, und von den Pupillen aus durchzog sie ein Netz von kleinen Adern. Sie beäugte mich skeptisch, hielt die Tür nur einen Spalt weit geöffnet, den Kopf ängstlich dahinter versteckend.
    Ich lächelte beruhigend und sagte: »Ich bin Veum, gnädige Frau.«
    »Veum?« antwortete sie, als hätte sie den Namen noch nie gehört. »Haben Sie einen Ausweis?«
    Ich zeigte ihr den Führerschein, und sie starrte konzentriert auf das kleine Foto. »Sind das Sie?«
    »Vor ein paar Jahren«, sagte ich.
    Sie sah mich an. »Ihr Gesicht ist markanter geworden. Kommen Sie rein.«
    Sie trat vorsichtig zur Seite und gab die Tür frei.
    Ich kam in einen dunklen Flur. Rechts führte eine schmale, gewundene Treppe in den ersten Stock, wo nicht für mehr als ein, zwei Zimmer Raum sein konnte. Die Tür direkt vor uns war geschlossen, die Tür links war angelehnt.
    Die Frau benutzte einen Stock und stützte sich schwer darauf, als sie ging. Das eine Bein war fast steif. Sie ging mir voraus in das Zimmer links und winkte zum Zeichen, daß ich ihr folgen sollte.
    Wir kamen in ein kleines Wohnzimmer. An einer Wand stand ein altes, verschlissenes Sofa. In der einen Sofaecke lagen aufgerollt ein Laken, ein Federbett und eine Wolldecke. In der anderen Ecke lag ein besticktes Kissen mit dem Bild des Triumphbogens und dem Text La belle France .Vor dem Sofa stand ein niedriger Couchtisch. Auf der Ablage unter dem Tisch lag ein Stapel Zeitungen und Zeitschriften. Auf dem Tisch befanden sich eine halbvolle Kaffeetasse, ein kleiner Teller mit ein paar Brotkrümeln, ein kleiner Kerzenhalter mit einer fast heruntergebrannten Kerze, eine Packung billiger norwegischer Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer, und aus einem offenen Briefumschlag ragte die Ecke eines Briefbogens. Sie hatte die Untertasse als Aschenbecher benutzt.
    Am Ende des Raumes stand die Tür zur Küche halb offen. An der Wand neben der Küchentür stand ein schwarzer Ofen. Aus dem Ofen hörte man trockenes Holz knacken, und die Zimmertemperatur war ungefähr auf Saunaniveau.
    Vor dem niedrigen Couchtisch standen zwei Sessel mit verschlissenen Bezügen, und sie machte ein Zeichen, daß ich mich in einen davon setzen könnte. Sie selbst humpelte in Richtung Sofa.
    Als sie sich zurechtgesetzt hatte, nickte sie kurz zur Wand hinter mir und sagte: »Das ist meine Tochter.«
    Ich wandte mich im Sessel um. An der Wand stand ein Sekretär mit einem einfachen Bücherregal darüber. Abgesehen von einem Telefonbuch standen darin keine Bücher. Das Telefon stand auf dem Sekretär darunter. Links vom Telefon stand ein gerahmtes Foto einer jungen Frau. Sie erinnerte nur schwach an die Mutter, aber sie hatte das gleiche markante Kinn. Die Augenbrauen waren schmal, die Nase lang. Sie starrte von dem fast feierlichen Sekretär ernst auf uns: wie ein Heiligenbild auf einem Altar.
    »Aber es geht um Arne«, sagte Frau Samuelsen hinter mir. »Meinen Sohn.«
    Ich drehte mich um und blickte sie höflich an.
    Sie kaute auf ihren Lippen und plinkerte mit den Augenlidern. Es war ein kaum spürbarer Bruch in ihrer Stimme, als sie sagte: »Ich – ich habe nichts von ihm gehört seit … seit vielen Wochen.« Sie nickte zu dem offenen Brief auf dem Couchtisch hin.
    »Ist das ungewöhnlich?«
    »Ja.« Sie schluckte. »Er – er hat immer – immer regelmäßig geschrieben.«
    »Wo ist er?« fragte ich vorsichtig.
    »Er wohnt in Stavanger. Er arbeitet auf einer Ölplattform da unten, draußen in der Nordsee. Ich

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