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Die Frau im gepunkteten Kleid

Die Frau im gepunkteten Kleid

Titel: Die Frau im gepunkteten Kleid
Autoren: Beryl Bainbridge
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gebraten hatte. Als er die Zwiebeln schälte, rieb er sich die tränenden Augen mit den Fingern und wischte sie anschließend vorne an seiner Hose ab. Alles, was er tat, tat er langsam und gemessen, als würde er schlafwandeln. Sie musste ständig reden, weil er kaum sprach, aber wie hätte sie im Zimmer dieses fremden Mannes schweigen können, eines Fremden, der so viel Geld bezahlt hatte, um sie hier herzubringen? Sie stellte ihm Fragen  – wie lange er schon in diesem Haus wohnte, wie viel die Wohnung kostete. Unter den gegebenen Umständen war es absurd, dass sie so wenig über sein Leben wusste.

    Normalerweise konnte sie mit wenigen Worten ein Gespräch herbeiführen, aber diesmal nicht. Erst als sie ihn fragte, ob er viel reise, entlockte sie ihm eine Antwort. Da erzählte er ihr, dass er vor einem Monat nach Chicago gefahren sei, um Dr. Wheeler zu suchen. Natürlich habe er ihn nicht gefunden, weil er ihren Brief mit der Nachricht, dass Wheeler nach Washington gezogen sei, zu spät erhalten habe.
    Wieder entschuldigte sie sich und rutschte auf dem unbequemen Sofa hin und her.
    »Musst du ins Bad?«, fragte Harold. »Es ist da drüben.«
    Als sie aufstand, merkte sie, dass er ihr auf die Beine sah, schnell hinsah, schnell wieder wegsah, nicht aufdringlich.
    Das Bad war gefliest und nicht besonders sauber. Neben der Wanne, die ähnlich wie die in Kentish Town auf alten, gusseisernen, verrosteten Füßen stand, hing ein zerrissener Plastikvorhang. Nach dem Zustand der Toilettenschüssel zu urteilen, kannten die Amerikaner kein Ata. Komisch eigentlich, wenn man bedachte, wie Harold an dem Abend, als sie ihn auf einen Kaffee zu sich nach Hause eingeladen hatte, mit dem Finger über ihr Nachttischchen gefahren war und den Schmutz beanstandet hatte.
    Er hatte damals bei ihren Freunden Polly und Bernard gewohnt, und sie war zum Essen gebeten worden, um das Quartett vollzumachen. Eigentlich hatte sie nicht hingehen wollen, weil der Name
Grasse ihrer Meinung nach deutsch klang. Als sie noch in der Schule war, hatte ihre Klasse in Zweierreihen in die Philharmonic Hall marschieren und einen Film ansehen müssen, in dem britische Soldaten ein Konzentrationslager aufräumten. Man sah, wie seltsame Vogelscheuchen von Bulldozern zusammengeschoben und in Gruben gekippt wurden. Später hatte der Oberpräfekt Mavis erklärt, das seien Leichen gewesen. Mit einem Deutschen konnte man also unmöglich befreundet sein, nicht wenn man wusste, was den Juden passiert war. Aber dann erklärte Polly, Washington Harold sei selbst Jude, damit war das in Ordnung.
    Nach dem Essen schlugen sie vor, Harold solle sie nach Hause begleiten; die Straße hinter der Brotfabrik sei dunkel, und manchmal lägen Betrunkene in der Gosse.
    Rose kannte sich mit Männern aus. Seit sie sechzehn war, hatte sie in London immer mal wieder allein gelebt und war öfter in schwierige Situationen geraten. Meistens infolge ihrer Höflichkeit. Mutter hatte ihr eingeimpft, wenn man etwas wirklich haben wollte, zum Beispiel ein zweites Stück Kuchen, musste man »Nein, danke« sagen. Und wenn der Kuchen schrecklich schmeckte und man kein zweites Stück wollte, sagte man »Ja«, um niemanden zu kränken. Einmal hatte ihr ein Mann in einem Pub in South Kensington Drinks spendiert und sie dann in sein Zimmer in der Nähe des Brompton Oratory
mitgenommen. Es war eine piekfeine Gegend, deshalb dachte sie, da könne nichts schiefgehen. Dabei war der Kerl ein Habenichts, der unbedingt Macht ausüben musste. Er zwang sie aufs Bett und schlug ihr in seinem Bemühen, sie unten zu halten, einen Zahn aus. Mit blutendem Mund versprach sie, alles zu tun, was er wolle, wenn sie nur vorher aufs Klo dürfe. Als sie die Treppe hinunterfloh, kippte er eine Tasse Wasser übers Treppengeländer, und sie bildete sich ein, er würde auf sie runterpinkeln. Sie ging zur Polizei, doch da sie noch minderjährig war, verlangte man dort die Adresse ihrer Eltern. Vater durfte aber auf keinen Fall erfahren, was geschehen war.
    Deshalb war es schon in Ordnung, als sie Harold in ihr möbliertes Zimmer bat. Sie wusste, dass er kein Mann war, der Eindruck schinden musste, zumindest nicht auf diese Weise. Außerdem war er Psychologe. An diesem ersten Abend bei Bernard und Polly hatte sie sogar geglaubt, er habe sie gar nicht wahrgenommen, allenfalls dass sie sich auch im Raum befand – aber dann fragte er sie nach dem Foto von Dr. Wheeler, das auf ihrem Nachttisch stand. Es war kein besonders gutes

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