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Die Frau aus Flandern - eine Liebe im Dritten Reich

Die Frau aus Flandern - eine Liebe im Dritten Reich

Titel: Die Frau aus Flandern - eine Liebe im Dritten Reich
Autoren: Claudia Seidert
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ärmer werdenden flämischen Provinz in Massen in die wallonischen Industriebeckenströmten, wo sie als Fabrikarbeiter unter erbärmlichen Arbeits- und Lebensumständen ihren Lebensunterhalt immerhin noch leichter erwirtschaften konnten, als zuhause. Der Begriff vom »armen Flandern« hat hier seinen Ursprung. Auf der anderen Seite standen belgische Unternehmer und mächtige Firmen wie Empain, Cockerill, Otlet und die Société Générale, deren Namen bis heute einen Klang haben. Sie bauten Eisenbahnen und verlegten Straßenbahnlinien in ganz Europa, in China, Südamerika und in Zentralafrika. Antwerpen, die Stadt an der Schelde mit ihrem achtzig Kilometer langen, gewundenen Zugang zum Meer, entwickelte sich zum Welthafen, und Belgien richtete bis 1914 ganze sieben Weltausstellungen, sogenannte »Feste des Fortschritts«, aus. Nirgends sonst ließen sich Zukunftsglauben und Technikeuphorie sowie die neuen Produkte von Wissenschaft und Technik – Fotografie, Film, Automobilbau, Telefon und Elektrizität – so beeindruckend in Szene setzen wie bei einer solchen Großinszenierung.
    Diesen enormen wirtschaftlichen Aufschwung hätte es so nicht gegeben, wenn der belgische König Leopold II. sich nicht am Kongo ein riesiges Territorium einverleibt hätte. Bismarck berief eine internationale Kongo-Konferenz ein, bei welcher Gelegenheit Leopold II. ein Gebiet im Kongo-Becken als Privatbesitz zugesprochen wurde, nachdem dieser vorgab, dort ein Musterland im Kampf gegen den Sklavenhandel errichten zu wollen. Genau das Gegenteil war der Fall. In diesem königlichen Privatstaat herrschte ein gewissenloses Regime. »Im Jahre 1885 wurde der Kongo-Staat aufgrund des Berliner Vertrages gebildet. Altmeister Bismarck führte bei den Verhandlungen den Vorsitz.« Mit diesen Worten beginnt die leidenschaftliche Anklageschrift von Sir Arthur Conan Doyle. Der Arzt und Schriftsteller und geistige Vater Sherlock Holmes’, hatte in ihr erschütternde Beweise für die Verbrechen im Kongo gesammelt und im Herbst 1909 veröffentlicht.
    Der Kongo war lange Zeit die wichtigste Quelle für Kautschuk. Und dieser wiederum war ein begehrter Rohstoff für Reifen von Fahrrädern und Automobilen sowie unersetzlich in der erst wachsenden Stromindustrie zur Isolierung von Drähten und Isolatoren in Elektrizitätswerken. Diese neuen Industriezweige und der damitverbundene Hunger nach dem Rohstoff führten zu Verstümmelungen und millionenfachem Mord an der Bevölkerung. Leopold II. bereicherte sich im wahrsten Sinne des Wortes gnadenlos, bis zu 700fache Gewinnspannen spülten ihm Milliarden Franc in die Kasse.
    Antwerpen, Leysstraat, etwa 1914.
    Auf internationalen Druck verkaufte Leopold schließlich 1908 seinen Privatstaat an Belgien, doch auch danach ging die Ausbeutung beinahe unverändert weiter. Bis heute sind Unterlagen aus der Zeit der Kolonie für die Öffentlichkeit gesperrt.
    Firmin und Maria werden von den Gräueln am Kongo so viel oder so wenig mitbekommen haben, wie die belgische Öffentlichkeit allgemein. Sie lebten in einer Stadt, die sich neu erfand und ständig wuchs. Anfang des Jahrhunderts bevölkerten etwa 300   000 Einwohner die prosperierende Metropole. Sie war damit größer als Brüssel. Durch den Hafen – noch heute gehört er zu den fünf größten der Welt – war Antwerpen reich geworden. Draußen wurde das Geld verdient und in der Innenstadt gab man es wieder aus. Sie war das Schaufenster, in dem man zeigte, was man hatte. Antwerpen versprach Glück, Geld und Zukunft, auch für das junge Paar Maria und Firmin. Prachtvolle Häuser entstanden, die Belle Époque hattedas Stadtzentrum mit neoklassizistischen Bankgebäuden und repräsentativen Handelshäusern geschmückt, und beständig kamen neue hinzu. Der neue Bahnhof geriet mit seiner 75 Meter hohen Kuppel so aufwändig, dass er bald nach seiner Einweihung 1905 nur noch »Spoorwegkathedraal«, Eisenbahnkathedrale, hieß. Dort ließ sich schnell ein Ticket erstehen – aufs Land hinaus oder nach Brüssel, in die Hauptstadt, die Leopold mit dem Blutgeld aus dem Kongo kostspielig verschönert hatte.
    Es ließ sich gut leben an der Schelde, zumindest für die, die einigermaßen mithalten konnten. Bei Maria und Firmin war das offenbar der Fall. Die alten Fotografien bezeugen einen bescheidenen Wohlstand. Maria legte sichtlich Wert auf gute Kleidung, auf Eleganz und modischen Schick. Sie versah ihre Kleider aufwändig mit Biesen und Rüschen, verzierte sie mit Nöppchen, überzog

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