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Die Fotografin

Die Fotografin

Titel: Die Fotografin
Autoren: B.C. Schiller
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Prolog: Montag – morgens

    Sie denkt an das Leben und nicht an den Tod, als sie erwacht. Mit den Fingerspitzen massiert sie ihre Schläfen, denn jetzt erst beginnen sich die Kopfschmerzen bis in ihr Bewusstsein vorzutasten. Langsam richtet sie sich auf, blickt verwirrt umher. Es ist ein Schlafzimmer, das sie kennt, in dem sie schon öfter gewesen ist. Das Bett ist breit, die Seidenkissen und weichen Decken duften wie immer verführerisch. Hinter ihr an der Wand lehnt das riesige Bild mit den zwei Frauen die sich küssen. Ein aufstrebender Künstler hat es gemalt, das hat man ihr erzählt. Oben an der Decke hängt ein Spiegel, das weiß sie von früher, aber jetzt vermeidet sie es, hinaufzusehen. Die Tür, die in das Ankleidezimmer führt, ist halb geöffnet. Durch den Spalt sieht sie die Spitze ihres Schuhs, den sie vor einer Ewigkeit achtlos weggekickt hat. Auf dem Boden verstreut liegen Kleider, die von ihr stammen könnten, aber jetzt kommen sie ihr wie fremde Designerstücke vor.
    Das Pochen in ihrem Schädel steigert sich, als sie sich im Bett aufsetzt. Vorsichtig stellt sie die Beine auf den Boden und steht mit Schwung auf. „Na, geht doch!“ denkt sie, doch im selben Moment beginnt die Umgebung bedrohlich zu wanken und zu verschwimmen. Sie muss sich am Bettrand abstützen, um nicht umzukippen. Mit angehaltenem Atem wartet sie, bis alles vor ihren Augen wieder gerade steht und seine Ordnung hat. Dann tastet sie sich an der Wand entlang – aus dem Schlafzimmer hinaus direkt in das Wohnzimmer, das sich mit einer über die ganze Länge ziehenden Glasfront zu einer Terrasse hin öffnet. Die Helligkeit ist so intensiv, dass sie sich mit geschlossenen Augen an die Wand lehnen muss, um nicht von dem gleißenden Licht verbrannt zu werden.
    Warum steht sie hier in diesem Wohnzimmer und verhält sich so, als würde sie es nicht mehr erkennen? Hat sie doch schon oft den herrlichen Blick über die Stadt genossen, danach, wenn alles wieder viel zu schnell vorbei war und sie den kühlen Wind auf ihrer heißen Haut spürte, der sie sanft in ihr anderes Leben zurückführte, das sie so gerne für immer verlassen hätte. Warum kann sie sich an nichts mehr erinnern? Was ist passiert? Ist überhaupt etwas passiert oder hat sie nur einen fürchterlichen Kater? Den Champagnerflaschen auf dem Tisch nach zu urteilen, muss sie enorm viel getrunken haben. Ja so ist das mit dem Abschiednehmen, man besäuft sich und landet dann unweigerlich doch wieder im Bett, denkt sie versonnen.
    Merkwürdige Gedanken, die einfach in der Mitte stoppen und nicht mehr weiter wollen. Natürlich ist etwas passiert, das spürt sie ganz deutlich, doch noch will sie mit dieser Unbestimmtheit leben und auf keinen Fall die Gewissheit haben. Noch will sie glauben, dass es vielleicht doch ein Traum ist, der sich am Morgen verflüchtigt und sie mit einem Gefühl der Erleichterung erwachen lässt. Aber natürlich ist es kein Traum, das weiß sie, dafür ist sie klug genug, sondern es ist die Wirklichkeit und diese kümmert sich nicht um Träume und Erwachen, sondern ist klar und direkt – Realität eben.
    Seufzend sieht sie sich dann doch im Wohnzimmer um, sucht etwas zu trinken, denn plötzlich ist auch ihre Kehle wie ausgedörrt. Wie alles in dieser Wohnung, so ist auch das Wohnzimmer riesig und einschüchternd. Es ist ein langgestreckter Raum ohne Schnörkel, der in eine moderne Küche übergeht. Mühsam schleppt sie sich zu dem Aluminiumtresen, der wie der Bug eines Schiffes mitten in den Raum ragt.
    Mit der Fußspitze stößt sie gegen ein Bein. Es ist ein Männerbein, das kann sie spüren, denn es ist nackt und erst jetzt fällt ihr auf, dass auch sie nackt ist. Langsam senkt sie den Kopf und blickt nach unten, sieht das Männerbein, ihr Blick gleitet höher, folgt der Körpersilhouette eines anmutig verdreht liegenden nackten Mannes und saugt sich an seinem Oberkörper fest, der voller Blut ist. In dem grellen Licht, das durch die Fensterfront in den Raum fällt, tritt das Blut noch heller und grausamer hervor und jetzt sieht sie, dass auch der helle Holzboden über und über mit geronnenem Blut bedeckt ist. Dann bemerkt sie das Messer auf dem Boden und sie erinnert sich wieder vage daran, es in der Hand gehalten zu haben. Die Klinge des Messers ist blutig und das verklumpte Blut stört die harmonisch geschwungene Designform der Klinge und reduziert das Messer auf ein banales Mordwerkzeug.
    Jetzt liegt das Messer am Boden, beunruhigend nahe bei einem

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