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Die Feuer von Troia

Die Feuer von Troia

Titel: Die Feuer von Troia
Autoren: Marion Zimmer-Bradley
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Prolog

    Es hatte den ganzen Tag geregnet; mal goß es in Strömen, mal nieselte es, aber der Regen hörte nie richtig auf. Die Frauen trugen ihr Spinnzeug hinein an das Feuer, und die Kinder drängten sich unter den überhängenden Dächern im Hof. Zwischen den Schauern wagten sie sich hinaus und planschten in den Pfützen auf den Tonplatten und schleppten den Schmutz in die Halle. Am Abend glaubte die alte Frau an der Feuerstelle, sie werde verrückt von all dem Gezeter und Geplansche, den Angriffen der kleinen Heere, den Schlägen der Holzschwerter auf Holzschilde, dem Splittern von Spielzeug und dem prompt darauf folgenden Geschrei, dem lautstarken Wechsel der Anführer, dem. Gebrüll der »Getöteten« und »Verwundeten«, die aus dem Spiel ausscheiden mußten.
    Durch den Rauchfang kam immer noch zuviel Regen, um auf dem offenen Feuer richtig kochen zu können; aber auch über diesen Wintertag senkte sich schließlich die Dunkelheit, und man entzündete das Feuer in den Kohlepfannen. Als das bratende Fleisch und das Brot einen guten Geruch verbreiteten, kamen die Kinder nacheinander herbei, kauerten sich wie hungrige Hündchen um die Feuerstelle, schnupperten laut und vernehmlich, und die Streitereien gingen etwas leiser weiter. Kurz vor dem Abendessen erschien ein Gast am Tor: ein Sänger, ein Wanderer mit der Leier über der Schulter, die ihm überall ein freundliches Willkommen und Unterkunft sicherte. Der Sänger bekam zu essen, ein Bad und trockene Kleider. Dann kam er und setzte sich dicht an das Feuer, auf den Platz, der gern gesehenen Gästen vorbehalten war. Er stimmte sein Instrument, hielt das Ohr dicht an die Schildpattwirbel und prüfte den Klang mit den Fingern. Dann schlug er einen lauten Akkord an, ohne um Erlaubnis zu fragen - selbst damals tat ein Sänger, wonach ihm der Sinn stand - und begann:
    Ich singe von Schlachten und den großen Männern, die sie schlugen; Von den Männern, die zehn Jahre vor den von   Riesen  erbauten Mauern Troias ausharrten;
    Und von den Göttern, die diese Mauern schließlich zum Einsturz brachten, von  Apollon, dem Sonnengott, und dem mächtigen Poseidon, der die Erde erbeben läßt.  Ich singe die Geschichte vom Zorn des großen Achilleus,  Dem Sohn einer Göttin, der so stark war, daß keine Waffe ihn zu töten vermochte; 
    Ich singe auch die Geschichte seines maßlosen Stolzes und von dem Zweikampf,  bei dem er und der große Hektor drei Tage auf der Ebene vor den hohen Mauern Troias kämpften;
    Ich singe von dem stolzen Hektor und dem tapferen Achilleus, von Zentauren und Amazonen, von Göttern und Helden,  Von Odysseus und Aeneas, von all denen, die auf der Ebene vor Troia kämpften und fielen …
    »Nein!« rief die alte Frau heftig, ließ die Spindel fallen und stand entschlossen auf. »Ich dulde es nicht. Ich will diesen Unsinn in meiner Halle nicht hören!«
    Der Spielmann ließ die Hand mit einem schrillen Mißklang auf die Saiten fallen. Er wirkte überrascht, fragte aber höflich:
    »Warum, Herrin?«
    »Ich sage dir, ich will nicht, daß diese dummen Lügen an meinem Feuer gesungen werden«, erwiderte sie erregt.
    Die Kinder machten ihrer Enttäuschung hörbar Luft; die Frau brachte sie mit einer gebieterischen Geste zum Schweigen. »Sänger, deine Mahlzeit und einen Platz am Feuer gewähre ich dir gern. Aber ich dulde nicht, daß du den Kindern verlogenen Unsinn vorsingst, denn so, wie du es erzählst, war es nicht.«
    »Wirklich?« fragte er, immer noch höflich. »Woher weißt du das, hohe Frau? Ich singe die Geschichte, wie ich sie von meinem Meister gelernt habe, und wie sie von Kreta bis Kolchis überall gesungen wird.«
    »Sie mag von hier bis zum Ende der Welt so gesungen werden«, sagte die alte Frau ungerührt, »aber so war es nicht.«
    »Woher weißt du das so genau?« fragte er.
    Ich war dort und habe alles mit eigenen Augen gesehen«, erwiderte die alte Frau.
    Die Kinder tuschelten miteinander und riefen dann: »Das hast du uns nie erzählt, Großmutter. Hast du Achilleus, Hektor, Priamos und all die anderen Helden gekannt?«
    »Helden!« schnaubte sie verächtlich. »Ja, ich habe sie gekannt. Hektor war mein Bruder.«
    Der Spielmann beugte sich vor und musterte sie.
    »Jetzt erkenne ich dich«, sagte er schließlich.
    Sie nickte und senkte den weißen Kopf.
    »Herrin, dann solltest du vielleicht die Geschichte erzählen. »Ich diene dem Gott der Wahrheit und möchte den Menschen keine Lügen vorsingen.«
    Die alte Frau schwieg

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