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Die Farbe der Gier

Die Farbe der Gier

Titel: Die Farbe der Gier
Autoren: Die Farbe der Gier
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wurde, als sie die Leiche ihrer Schwester sah, sie jedoch nicht in Ohnmacht sank. Nach einem zweiten Blick auf ihre Schwester hielt sich Arabella am Bettpfosten fest, dann wandte sie sich ab.
    Das Blut war überallhin gespritzt und auf dem Teppich, den Wänden, dem Schreibtisch und sogar der Decke geronnen. Mit herkuleischer Anstrengung ließ Arabella den Bettpfosten los und schwankte zum Telefon auf dem Nachttisch. Sie ließ sich schwer auf das Bett fallen, nahm den Hörer zur Hand und wählte die 999. Als sich eine Stimme mit den Worten
    »Notrufzentrale, welchen Dienst wünschen Sie bitte?«, meldete, erwiderte sie nur: »Die Polizei.«
    Arabella legte anschließend wieder auf. Sie war fest entschlossen, die Schlafzimmertür zu erreichen, ohne noch 17
    einmal auf die Leiche ihrer Schwester zu schauen. Doch es gelang ihr nicht. Es war nur ein Blick und dieses Mal fiel er auf den Brief. »Meine liebste Arabella.« Sie packte das unvollendete Schreiben, nicht bereit, die letzten Gedanken ihrer Schwester mit der örtlichen Gendarmerie zu teilen.
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    ANNA JOGGTE entlang der East 54th Street nach Westen, vorbei am Museum of Modern Art. Sie überquerte die 6th Avenue und bog dann nach rechts auf die 7th Avenue. Auf die vertrauten Wahrzeichen – die massive LOVE-Skulptur, die die Ecke an der East 55th Street dominierte, sowie die Carnegie Hall – verschwendete sie keinen Blick, als sie die 57th Street überquerte. Ein Großteil ihrer Energie und ihrer Konzentration floss in den Versuch, den frühmorgendlichen Pendlern auszuweichen. Anna hielt den Lauf zum Central Park nur für eine Aufwärmübung und setzte die Stoppuhr an ihrem linken Handgelenk erst in Gang, als sie durch das Artisan Gate in den Central Park einlief.
    Sobald Anna einen gleichmäßigen Rhythmus gefunden hatte, versuchte sie, sich auf das Treffen mit dem Vorsitzenden zu konzentrieren, das für acht Uhr an diesem Morgen angesetzt war.
    Anna war sowohl überrascht als auch irgendwie erleichtert gewesen, als Bryce Fenston ihr nur wenige Tage, nachdem sie als stellvertretende Leiterin der impressionistischen Abteilung bei Sotheby’s gekündigt hatte, eine Stelle bei Fenston Finance anbot.
    Ihr unmittelbarer Vorgesetzter bei Sotheby’s hatte deutlich durchblicken lassen, dass ihr berufliches Fortkommen noch geraume Zeit auf Eis gelegt würde, nachdem sie zugegeben hatte, für den Verlust einer bedeutenden Sammlung an den Hauptkonkurrenten Christie’s verantwortlich gewesen zu sein.
    Anna hatte den betreffenden Kunden monatelang gehätschelt, umschmeichelt und ihm gut zugeredet, sich bei der Versteigerung des Familienbesitzes für Sotheby’s zu entscheiden, und sie hatte naiverweise angenommen, wenn sie 19
    dieses Geheimnis ihrem Geliebten erzählte, würde der es diskret behandeln. Schließlich war er ja Anwalt.
    Als der Name des Kunden prompt im Kunstteil der New York Times auftauchte, verlor Anna sowohl ihren Liebhaber als auch ihre Stelle. Da half es auch nicht, dass dieselbe Zeitung einige Tage später berichtete, Dr. Anna Petrescu habe Sotheby’s in
    ›beiderseitigem Einvernehmen‹ verlassen – ein Euphemismus für den Rauswurf –, und der Kolumnist noch hilfreich anmerkte, dass Anna sich gar nicht erst die Mühe machen solle, sich bei Christie’s um eine Stelle zu bewerben.
    Bryce Fenston wohnte regelmäßig allen großen
    impressionistischen Auktionen bei und hatte Anna dabei nicht übersehen können, die stets neben dem Podium des
    Auktionators stand und sich Notizen machte. Ihr hatte stets jedwede Andeutung widerstrebt, dass ihr verblüffend gutes Aussehen und ihre durchtrainierte Figur der Grund waren, warum Sotheby’s sie regelmäßig an einer so augenfälligen Position platzierte und sie nicht einfach neben die anderen Deuter an der Seite des Auktionssaales aufstellte.
    Anna sah auf ihre Uhr, als sie unter dem Playmates Arch hindurchlief: zwei Minuten 18 Sekunden. Sie hatte immer das Ziel, die Schleife in zwölf Minuten zu laufen. Das war nicht besonders schnell, aber es ärgerte sie dennoch, wenn sie überholt wurde, und das machte sie vor allem dann rasend, wenn eine Frau sie überholte. Anna war beim letztjährigen New York Marathon allerdings als 97. ins Ziel eingelaufen, darum wurde sie bei ihrer morgendlichen Runde im Central Park nur selten von etwas auf zwei Beinen überrundet.
    Ihre Gedanken kehrten zu Bryce Fenston zurück. Die Insider der Kunstwelt – Auktionshäuser, die führenden Galerien und private Händler –

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