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Die Erben der Nacht - Vyrad - Schweikert, U: Erben der Nacht - Vyrad

Die Erben der Nacht - Vyrad - Schweikert, U: Erben der Nacht - Vyrad

Titel: Die Erben der Nacht - Vyrad - Schweikert, U: Erben der Nacht - Vyrad
Autoren: Ulrike Schweikert
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Seymour
    Geräuschlos schlüpfte der Wolf durch die halb geöffnete Tür und trat in die dämmrige Hütte. Das weit heruntergezogene, von Moos bedeckte Dach ließ das kleine Haus nahezu mit dem bleichen Grün des spätsommerlichen Moores verschmelzen. Das letzte Tageslicht drang durch den Türspalt und das winzige Fenster, dennoch war es in dem einzigen Raum der Hütte so dunkel, dass menschliche Augen wohl kaum die Konturen der wenigen Möbelstücke hätten ausmachen können. Der Wolf jedoch erfasste das Innere der ärmlichen Behausung mit einem Blick: Das niedrige, hölzerne Bettgestell in der rechten Ecke, über das eine Flickendecke gebreitet war, die Weidenkörbe an der hinteren Wand, aus denen der Duft von noch feuchten Torfstücken und allerlei Kräutern emporstieg, den massiven Tisch mit den vier Stühlen in der Mitte und dann auf der linken Seite den offenen Herd, neben dem sich Kessel und Töpfe reihten. Schimmernde Lichtpunkte huschten wie Glühwürmchen über das polierte Kupfer. Sein Blick verharrte auf der Gestalt, die– ihm den Rücken zugewandt– vor dem fast erloschenen Torffeuer saß. Sie rührte sich nicht, als er lautlos näher trat.
    » Nun, was gibt es, mein Sohn?«
    Nein, es wunderte Seymour nicht, dass es ihm nicht gelang, Tara zu überraschen. Vermutlich hatte sie seinen Weg in ihrem Geist begleitet, seit er den Kamm überquert und den Bergrücken ins Moor hinabgestiegen war.
    » Aber sicher«, beantwortete sie seinen Gedanken. » Ist das nicht ganz natürlich? Beobachtet nicht jede Mutter den Weg ihrer Kinder in Stolz und Sorge?«
    Der Wolf brummte in einer Mischung aus Unmut und Belustigung, antwortete aber nicht. Stattdessen begann sein Wolfskörper sich unnatürlich zu winden. Er zuckte am ganzen Leib, dass das silbrigweiße Fell bebte. Dann schien sich jedes Haar in die Haut zurückzuziehen, die Schnauze wurde flacher, der Schädel dehnte sich aus und nahm die Züge eines menschlichen Gesichts an. Als der Werwolf sich in seiner Menschengestalt erhob, wandte sich die Druidin um. Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen und ein weicher Zug trat in ihre Augen, die erstaunlich hell und wach aus dem runzeligen Gesicht einer uralten Frau blickten. Wie alt sie wirklich war, konnte keiner genau sagen, und die Druidin schwieg sich darüber aus. Seymour selbst war mehr als einhundert Jahre alt. Dabei war er kein Greis. Die Magie der Werwölfe verlangsamte das Altern seines Körpers, der vielleicht ein wenig dünn erschien, dennoch sehnig und stark. Ein Mann in seinen besten Jahren. Die Züge seines herben Gesichts waren alterslos, während das silbrige Haar von seiner langen Lebenszeit sprach.
    » Setz dich, Seymour, und sage mir, was dich bedrückt.« Tara wies einladend auf einen der Stühle und machte sich daran, Torf nachzulegen und die Glut zu schüren, bis die ersten Flammen zuckten und dunkler Rauch den Abzug hinaufstieg. Sie entzündete die beiden Kerzen auf dem Tisch. Von einem Wandbord holte sie eine bauchige Flasche und zwei Tonbecher, schenkte ein und setzte sich dann zu ihrem Sohn. Seymour schnupperte ein wenig misstrauisch an dem Gebräu, das nach vergorenem Honig und Heidelbeeren roch, dann nahm er einen kleinen Schluck.
    » So etwas bekommst du nicht oft zu trinken«, schmunzelte die alte Frau.
    Seymour stieß einen abfälligen Laut aus.
    » Das ist wahr. Das Wasser aus den Bergen ist der Wein der Wölfe. Aber ich bin nicht gekommen, um dein Gebräu zu probieren. Doch das weißt du ja bereits«, fügte er mit bitterem Ton hinzu. » Wozu soll ich die Fragen aussprechen, die du längst in meinem Geist gelesen hast?«
    Ein wenig entschuldigend hob Tara die Schultern. » Das sollte dich nicht kränken. Es ist mir zur Gewohnheit geworden, den Gedanken derer zu lauschen, die mir am Herzen liegen. Ich freue mich dennoch, dass du den weiten Weg zu mir gekommen bist, um mit mir zu sprechen.«
    Der Wolf schwieg. Tara wartete geduldig. Seymour kämpfte noch eine Weile gegen den Unmut, den er empfand, ehe er damit herausplatzte, was ihn seit Wochen mit Sorge erfüllte.
    » Ich kann sie kaum mehr erreichen! Ich habe das Gefühl, das Band, das uns so eng verbunden hat, wird stetig dünner. Bald wird es ganz zerreißen!« Furcht und Schmerz standen in seinen bernsteinfarbenen Augen.
    Tara nickte bedächtig. Sie musste ihn nicht um Erklärung bitten, um seine Worte zu verstehen.
    » Ich weiß, Seymour. Das ist für euch beide keine leichte Zeit.«
    » Ihr habt mich fortgeschickt«, brummte

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