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Die Entscheidung der Hebamme

Die Entscheidung der Hebamme

Titel: Die Entscheidung der Hebamme
Autoren: Sabine Ebert
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solche Abwege leitete. Die Vorstellung, dass er sie endlich bald wieder in seine Arme schließen würde, beschäftigte seine Gedanken mehr, als gut sein konnte. Nur in der Turbulenz der Hoftage durfte er die sonst Unerreichbare heimlich treffen. Denn sie war verheiratet – noch dazu ausgerechnet mit seinem ältesten Bruder.
    Die Stimme des Kaisers riss ihn zurück in die Gegenwart.
    »Ihr wisst, zweimal ist Herzog Heinrich nicht zum Hoftag erschienen, weil er der Meinung ist, ein Fürstengericht habe nicht über ihn zu befinden.«
    Verwundert über diesen Hinweis, nickte Dietrich. Es gab kein anderes so ausgiebig diskutiertes Gesprächsthema bei diesem Hoftag, und nicht erst seit diesem.
    Jahrelang hatten viele Fürsten des Kaiserreiches, darunter auch Dietrich und seine Brüder, der Meißner Markgraf Otto von Wettin, Dedo von Groitzsch und Friedrich von Brehna, gegen den Herzog von Sachsen und Bayern gekämpft, der sich aufführte wie ein König und rücksichtslos nahm, was er wollte. Immer wieder hatte der Kaiser seine schützende Hand über ihn gehalten – bis zu Heinrichs folgenschwerer Weigerung in Chiavenna. Seitdem bemühte sich der Kaiser, ihm den Prozess zu machen. Doch der Löwe schien sich eher in einen Aal verwandelt zu haben. Es war schwierig, ihn zu greifen. Es sei denn …
    »Nach zuverlässigen Berichten hält sich Heinrich seit gestern ein paar Meilen entfernt von uns in seiner Burg Haldensleben auf und zaudert, ob er hierherkommen soll oder nicht. Ich will verhindern, dass er zu diesem und zum nächsten Hoftag erscheint«, sprach der Kaiser aus, was Dietrich gerade dachte.
    Wer dreimal der Aufforderung des Kaisers nicht folgte, fiel in Acht und Bann. Damit wäre der Löwe entmachtet. Allerdings wusste Heinrich das auch. Und bis drei zählen kann er wohl, gestand Dietrich dem Gegner mit leichtem Spott zu.
    »Wie wollt Ihr das erreichen, Majestät?«, fragte der Landsberger mit einem kaum hörbaren Anflug von Beklommenheit.
    Es war undenkbar, einen Auftrag des Kaisers abzulehnen, selbst wenn er ihn als Wunsch formulierte. Aber sich als Meuchelmörder zu betätigen, das war nicht seine Sache. Außerdem konnte der Kaiser dafür geeignetere Männer dingen als ausgerechnet einen Markgrafen. Und er war sich nicht sicher, ob Friedrich überhaupt zu solch einem Mittel greifen würde. Außergewöhnlich wäre es zwar nicht, und dass der Kaiser gegen seine Feinde unerbittlich war, hatte er in Italien oft genug bewiesen. Aber gegen seinen Vetter und einstigen Freund?
    »Ich brauche einen Fürsten, der angesehen genug ist, dass Heinrich seine Herausforderung nicht ablehnen kann, und der so gut mit dem Schwert umgeht, dass der Löwe lieber fernbleibt, als sich einem Kampf zu stellen«, erklärte der Kaiser bedächtig. »Ich dachte an Euch. Ich habe Euch bei Legnano kämpfen sehen. Fordert ihn zu einem Gottesurteil heraus. Hier und jetzt. Das wird ihn davon abhalten, doch verspätet noch aufzutauchen. So werde ich den Hoftag in Kayna als Ort des Zweikampfes festlegen.«
    Markgraf Dietrichs Augen weiteten sich für einen winzigen Moment – nicht aus Angst, sondern vor Überraschung. Welch ein genialer Schachzug!
    Wieder sank er nieder. »Ihr könnt auf mich zählen, mein Kaiser.«
    Und wieder gebot ihm der Kaiser, aufzustehen. »Ich kenne keinen unter meinen angesehenen Fürsten, der so geschickt mit dem Schwert umzugehen weiß wie Ihr. Heinrich ist noch dazu einen Kopf kleiner, er hätte keine Chance gegen Euch. Außerdem steht Gott auf Eurer Seite.
Ich
stehe auf Eurer Seite. Der Herzog wird aus Furcht nicht kommen. Dann können wir ihn bannen.«
    Würde der Löwe wirklich riskieren, dem Hoftag ein drittes Mal fernzubleiben?, überlegte Dietrich. Doch bei einem Gottesurteil konnte der Braunschweiger nicht hoffen, mit ein paar Wunden davonzukommen. Wer unterlag, galt als schuldig und wurde an Ort und Stelle hingerichtet.
    »Klagt ihn des Hochverrats an«, schlug der Kaiser vor. »Nehmt zum Anlass, dass er immer wieder die Wenden zu Überfällen auf Eure Mark aufgewiegelt hat. Das macht die Herausforderung glaubwürdig und so schwerwiegend, dass er sie nicht zurückweisen kann.«
    »Wie Ihr wünscht, mein Kaiser. Ich werde es morgen vor dem versammelten Hofstaat tun«, versicherte Dietrich.
    »Ich wusste, dass ich auf Euch zählen kann.«
    Zufrieden lehnte sich der Kaiser zurück. »Und ich werde es Euch lohnen. Ich weiß, welchen tragischen Verlust Ihr vor einigen Jahren erlitten habt«, sagte er, während er

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