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Die Einsamkeit der Primzahlen - La solitude dei numeri primi

Titel: Die Einsamkeit der Primzahlen - La solitude dei numeri primi
Autoren: Paolo Giordano
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Skier zu lösen, um sich, ein wenig abseits, in den Neuschnee zu hocken. Sie tat so, als müsste sie die Schuhe fester schnallen, während sie in Wirklichkeit Pipi machte. Sie schaufelte ein wenig Schnee um die eng geschlossenen Beine zusammen und ließ es einfach laufen, machte sich in den Skianzug, in die Strumpfhose, während alle Kameraden zusahen und Eric, der Skilehrer, stöhnte: Jetzt müssen wir wieder mal auf Alice warten.
    Wirklich eine Erleichterung, dachte sie jedes Mal, wenn sich diese angenehme Wärme zwischen ihren verfrorenen Beinen ausbreitete.
    Oder es wäre eine Erleichterung, wenn mir nicht alle dabei zusähen, dachte sie.
    Irgendwann werden sie es merken.
    Irgendwann wird ein gelber Fleck im Schnee zurückbleiben.
    Und dann werden mich alle damit aufziehen.
     
    Einer der Väter trat jetzt auf Eric zu und fragte, ob der Nebel an diesem Morgen nicht zu dicht sei, um hinaufzufahren. Alice horchte auf, von leiser Hoffnung erfüllt, doch Eric konterte mit seinem perfekten Lächeln. »Neblig ist es nur hier unten«, erklärte er. »Oben beim Gipfel knallt eine Sonne, dass es die Felsen sprengt. Auf jetzt! Los geht’s.«
    Auf dem Sessellift bildete Alice ein Pärchen mit Giuliana, der Tochter eines Kollegen ihres Vaters. Die ganze Strecke über wechselten sie kein Wort miteinander. Dabei waren sie sich weder sympathisch noch unsympathisch. Sie hatten einfach nichts gemeinsam, höchstens die Tatsache, dass sie nicht da sein wollten, wo sie jetzt gerade waren.

    Die einzigen Geräusche waren das Rauschen des Windes, der über den Gipfel des Mont Fraitève fegte, sowie das gleichmäßige metallische Surren des Stahlseils, an dem Alice und Giuliana hingen, das Kinn tief im Jackenkragen verborgen, um sich mit dem eigenen Atem zu wärmen.
    Das ist nur die Kälte, du musst nicht schon wieder, versuchte sich Alice zu beruhigen.
    Doch je näher der Gipfel kam, desto tiefer bohrte sich diese Nadel, die sie im Bauch spürte, in ihr Fleisch. Ja, schlimmer noch, ein beunruhigender Druck kam hinzu.
    Nein, das ist nur die Kälte, du musst nicht schon wieder. Das kann nicht sein, du hast ja gerade erst gemacht.
    Ein Schwall säuerlicher Milch stieß ihr bis zum Kehldeckel auf. Angeekelt schluckte Alice sie wieder hinunter. Sie musste unbedingt, sie musste so dringend, dass es nicht zum Aushalten war.
    Noch zwei weitere Fahrten bis zur Hütte, dachte sie. So lange kann ich es unmöglich zurückhalten.
    Giuliana hob den Sicherheitsbügel an, und beide schoben das Gesäß ein wenig nach vorn, um sich zum Absteigen fertig zu machen. Als ihre Skier den Boden berührten, stieß Alice sich mit einer Hand vom Sitz ab.
    Über zwei Meter hinaus war nichts zu sehen. Von wegen Sonne, die die Felsen sprengte. Alles war weiß, oben, unten, an den Seiten, nichts als Weiß. Ein Gefühl, als wäre man in ein Leintuch gehüllt, das exakte Gegenteil von Finsternis, aber Alice machte es genauso viel Angst.
    Sie rutschte an den Rand der Piste, um sich ein Hügelchen frischen Schnees zu suchen, hinter dem sie sich erleichtern konnte. Ihre Gedärme gaben Geräusche wie eine laufende Spülmaschine von sich. Giuliana war schon nicht mehr zu sehen,
also konnte diese sie auch nicht sehen. Sie kletterte ein paar Meter den Hang hinauf, im Grätenschritt, wie ihr Vater es von ihr verlangte, seit er es sich in den Kopf gesetzt hatte, dass sie Skifahren lernen musste. Die Kinderpiste hinauf und hinunter, dreißig, vierzig Mal an einem Tag. Hoch gegrätscht, und runter im Pflug, denn einen Skipass für nur eine Piste zu kaufen, wäre reine Geldverschwendung gewesen, und zudem konnte sie auf diese Weise die Beinmuskeln trainieren.
    Alice löste die Skier und machte noch ein paar Schritte, wobei sie bis über die Waden im Schnee versank.
    Endlich war sie in die Hocke gegangen. Sie hielt nicht mehr den Atem an und entspannte die Muskeln. Ein angenehmer Stromschlag durchfuhr ihren ganzen Körper und setzte sich in den Zehenspitzen fest.
    Es musste von der Milch kommen, ja, mit Sicherheit war die Milch daran schuld. Oder auch die Tatsache, dass ihr die Pobacken abfroren, während sie so über zweitausend Metern Höhe im Schnee hockte. Jedenfalls war ihr das noch nie passiert, zumindest nicht, solange sie sich erinnern konnte. Niemals, nicht ein einziges Mal.
    Sie machte sich in die Hose. Kein Pipi. Oder genauer, nicht nur Pipi. Alice kackte sich in die Hose, um Punkt neun Uhr an einem Januarmorgen. Es ging in die Unterhose, ohne dass sie es recht

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