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Die dunklen Farben des Lichts (German Edition)

Die dunklen Farben des Lichts (German Edition)

Titel: Die dunklen Farben des Lichts (German Edition)
Autoren: Andrea Gunschera
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1
     
     
     
    Er stand halb im Dunkel, den Rücken zur Tür, eine schlanke Silhouette in abgeschabten Jeans und einem Wollmantel. Fast verschmolz er mit den Schatten, wären da nicht die weißen Locken gewesen, ein Wust aus Silber und Seide, der ihm auf die Schultern fiel. Wie eine Engels-Figur auf einem alten Gemälde. Dem Anblick haftete etwas Unwirkliches an.
    „Henryk Grigore?“
    Der Mann drehte seinen Kopf. Ein schmales Gesicht, glatt rasiert, die Haut blass und durchscheinend, wo das Licht sie traf. Er war jung. Die Augen, grau mit einem Stich Violett, wirkten älter.
    Als er den Besucher erkannte, hellten seine Züge sich auf. Er streckte ihm die Hand entgegen, eine unsichere kleine Geste. Farbreste klebten an seinen Fingern.  
    „Hallo.“ Er sprach kaum hörbar. In seiner Aussprache schwang ein Akzent. Osteuropa vielleicht, ein slawischer Zungenschlag. „Schön, dass Sie gekommen sind.“
    Mit dem Handrücken wischte er sich über die Stirn. Sein Ärmel rutschte hoch und entblößte eine Spange, die locker sein Handgelenk umschloss, zwei Finger breit, Silber und Emaille. Nur ungenügend verbarg sie das Geflecht feiner Narben, das sich vom Handballen bis hoch zur Armbeuge zog. Rasch ließ er den Arm wieder sinken und vergrub die Hand in der Manteltasche, während er sich halb wegdrehte.
    So als wolle er lieber im Schatten stehen als im Licht.
     
     
     
    „Kommen Sie“, sagte Henryk, ohne den Mann anzusehen.
    Er umkreiste den Tisch und blieb vor der Staffelei auf der anderen Seite stehen. Fahrig deutete er auf die Gemälde, die an den Wänden lehnten, Leinwände in allen Größen, nachlässig auf Keilrahmen genagelt.
    „Hier“, er schob sich die Locken aus der Stirn, „die können Sie sich ansehen.“ Seine Hand verharrte knapp vor seinem Gesicht, die Fingerspitzen zitterten. „Sie brauchen sich nicht zu beeilen.“
    Sein Besucher verschob die Rahmen und drehte die Bilder ins Licht der kleinen Metalllampe, die nur spärlich den Raum erhellte. Henryk beobachtete ihn, stand noch einen Moment länger, dann wandte er sich ab. Darauf bedacht, Geräusche zu vermeiden, klaubte er den Pinsel und die Keramikpalette vom Tisch. Tief holte er Atem und inhalierte die Dünste. Öl, Terpentin, das Aroma der Farben.
    Zuletzt hob er den Pinsel und begann zu malen. Mit ausgestrecktem Arm füllte er eine Halsgrube und modellierte den Schatten. Er konturierte die Sehnen und die Erhebungen der Schlüsselbeine mit sorgfältigen kleinen Strichen.
    „Aber warum machen Sie sich nicht mehr Licht?“
    Henryk ließ die Palette sinken und spähte herüber zum Besucher, der zwischen den Bildern stand und ihn ganz unverhohlen anstarrte. Unwillkürlich barg er den rechten Arm hinter seinem Rücken. „Weil ich es so mag“, murmelte er.
    Der andere, der ihn offenbar nicht verstanden hatte, machte Anstalten, näher zu kommen.
    „Nein“, entfuhr es Henryk, und dieses Mal war seine Stimme so laut, dass er selbst darüber erschrak, „sehen Sie sich die Bilder an!“ Er presste die Lippen aufeinander, seine Fingerknöchel verhärteten sich, der Pinselabdruck weiß auf seiner Haut. „Sehen Sie sich die Bilder an!“ Sein Akzent überlappte die Silben nun wie scharfkantiges Metall. „Bitte. Und lassen Sie sich Zeit dabei.“
    Der Besucher stoppte mitten im Schritt, murmelte eine Entschuldigung und drehte sich zurück zu den Leinwänden.
    Henryk entspannte sich wieder. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, ohne den Pinsel abzulegen. Eine Haarlocke blieb an den Borsten kleben und löste sich schwarz verschmiert.
    Fest drückte er den Quast in die Farbe, ein Akt der Gewalttätigkeit. Er verteilte mehr Ultramarin auf die Fläche, fügte Purpur hinzu und Schwarz. Seine Bewegungen glätteten sich, die Finger fanden zurück in die Leichtigkeit. Er vervollständigte den Schatten, dann trat er einen Schritt zurück. 
    Er legte den Pinsel beiseite, hob beide Hände und formte einen Rahmen aus Daumen und Zeigefinger. So verharrte er, selbstvergessen. Er legte den Kopf zur Seite, um ihr ins Antlitz zu sehen. Ihre Schönheit brachte ihn zum Lächeln.
    „Herr Grigore?“
    Der Zauber splitterte.
    Er fuhr zusammen, sammelte sich, wandte sich heftig um. Sein Mund öffnete sich wie von einem eigenen Willen getrieben und schloss sich wieder, weil sein Besucher dieses Mal rechtzeitig stehen geblieben war. Rasch verschränkte er die Hände hinter seinem Rücken. „Sind sie fertig? Gefallen sie Ihnen? Die Bilder, meine ich.“

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