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Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Titel: Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle
Autoren: Bianka Minte-König
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Marktplatz, auf dem die Händler soeben ihre Stände aufschlugen, und so erregte unser kleiner, wohl seltsam anmutende Zug sofort Aufsehen.
    Friedrich trug mich in Estelles Kammer, legte mich dort auf das Bett und gleich befielen mich wieder Zittern und Krämpfe. Er eilte hinaus, um nach dem Arzt schicken zu lassen. Mir schlugen klappernd die Zähne aufeinander, als mein schweifender Blick durch das Zimmer irrte. Irgendwo hier musste es sein, was mich zum Zittern brachte, meinen Leib in Krämpfe zwang und mich leer und kraftlos machte. Ich fand nichts. Nur ein Kruzifix hing über meinem Kopf an der Wand, wie in jedem Zimmer der strenggläubigen Polen. Nicht sehr groß und unsagbar kitschig, mit einem bunt bemalten Heiland.
    Und so wälzte ich mich weiter im Bett herum, fühlte mich aber mit jeder Minute elender, die ich hier alleine lag. Das Atmen fiel mir schwer und das unkontrollierte Zittern wurde immer stärker. Ich fand keine Ruhe.
    Schließlich richtete ich mich auf und wankte aus dem Zimmer. Friedrich und dem Arzt in die Arme, die mir zu Hilfe herbeigeeilt kamen.
    »Was machst du hier auf dem Flur, Estelle?«, fragte Friedrich leise tadelnd. »Du solltest im Bett bleiben.« Er fasste nach meiner Hand, um mich zurück ins Zimmer zu ziehen, aber da sie eisig kalt war, stockte er verwirrt und starrte sie an.
    »Deine Hand ist wie aus Eis«, sagte er und hob sie hoch, damit auch der Arzt sie sehen konnte. Selbst im Dämmerlicht des Flures sah sie weiß aus wie frisch gefallener Schnee und nicht eine Ader, die Blut führte, war auf ihr zu erkennen.
    Der Arzt bekreuzigte sich, drehte sich auf dem Absatz um und holperte mit schweren Schritten die schmale knarrende Holzstiege hinunter, die vom Schankraum zu den Gästezimmern führte.
    »Jest to choroba!«, hörte ich ihn unten keuchen und ich konnte mir denken, was es bedeutete. Es ist die Seuche, jagt sie so schnell wie möglich aus dem Haus, sonst lebt hier bald niemand mehr.
    Man jagte uns zwar nicht aus dem Haus, aber der Wirt legte uns sehr deutlich nahe, dass wir bis zum Mittag abreisen sollten, wenn wir Zwangsmaßnahmen vermeiden wollten.
    Außerdem drohte er Vanderborg, ihn wegen Grabfrevels und unerlaubten Experimentierens auf einem Friedhof der Gerichtsbarkeit vorzuführen, und so ließ dieser die Kutsche anspannen und begann in fliegender Hast zu packen.
    Zwar hätte er die Maschine gerne mitgenommen, aber weil sie vermutlich nur noch Schrottwert besaß und unsere Rückreise unnötig erschwert und auch verteuert hätte, ließ er sie schweren Herzens zurück.
    Da wir bis Krakau mit der Kutsche fuhren, nahmen wir Jaromir zum Dank für seine Hilfe mit.
    Ich war zwar froh, endlich in der Kutsche zu sitzen, doch noch immer fühlte ich mich entsetzlich schwach.
    »Schlaf ein wenig, Liebste«, sagte Friedrich und zog die Vorhänge zu, um das Licht auszusperren. In der wohltuenden Dämmerung kam ich endlich zur Ruhe. Das gleichmäßige Auf und Ab der Kutsche wiegte mich ein, und obwohl ich niemals schlief, schloss ich die Augen.
    Estelles Erinnerung ergriff mehr und mehr von mir Besitz und ein bunter Bildereigen ihres jungen Lebens zog an meinem inneren Auge vorbei. Bald würde ich genug von ihr wissen, um ganz in ihrer Existenz heimisch zu werden.
    Ich würde vergessen, wer ich gewesen war, und es würde sein, als hätte es für mich nie ein anderes Leben gegeben.
    Aber die Fahrt war lang und beschwerlich und die Wege waren holprig, und je länger ich in der schwankenden Kutsche dahindämmerte, umso stärker drängten Erinnerungen aus meinem früheren Leben an die Oberfläche meines Bewusstseins und begannen mich zu quälen.

    Ich hatte mich, einem Dämon gleich, vom Schindanger erhoben und fuhr in die Buhlschaft des Landgrafen Ladislav von Przytulek und, von einem tückischen Schicksal gelenkt, mitten hinein in das orgastische Zucken dampfender Leiber.
    Schreie füllten den Raum und hallten vom Gewölbe zurück wie eine schaurige Melodie, und was Sekunden zuvor vermutlich noch Ausdruck von Lust und Ekstase gewesen war, gerann zu einem klebrigen, atonalen Brei aus Begierde und Entsetzen, als ich spürte, dass der Landgraf im Begriff stand, sein Schwert zur Scheide zu führen.
    Schockstarr lag ich einige Sekunden bei ihm auf seinem fürstlichen Lager und begann dann zu zittern wie die Blätter amEspenstrauch, denn mir wurde schlagartig bewusst, dass ich mich durch meinen Fluch auf ein Spiel mit dem Satan eingelassen hatte. Kein Gott, sondern nur das Böse selbst

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