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Die Drenai-Saga 5 - Im Reich des Wolfes

Die Drenai-Saga 5 - Im Reich des Wolfes

Titel: Die Drenai-Saga 5 - Im Reich des Wolfes
Autoren: David Gemmell
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– eine grelle, kupferne Feuerscheibe, die einen letzten, trotzigen Schein über die Berge warf. Miriel blinzelte ins Licht.
    »Es ist zu hell«, beschwerte sie sich.
    Aber seine Hand fuhr hoch, und das hölzerne Hackbrett segelte durch die Luft. Geschmeidig hob Miriel die Armbrust an die Schulter. Ihre Finger drückten auf den bronzenen Auslöser. Der Bolzen schoß aus der Waffe und verfehlte den Lichtbogen des Holzes um mehr als dreißig Zentimeter. »Ich sagte doch, es ist zu hell«, wiederholte sie.
    »Denke an einen Fehlschlag, und er wird eintreten«, erklärte er streng und hob das Holzbrett auf.
    »Dann laß mich für dich werfen.«
    »Ich brauche die Übung nicht, sondern du!«
    »Du könntest das Brett auch nicht treffen, oder? Gib’s zu!«
    Er blickte in ihre funkelnden Augen, sah das Sonnenlicht, das rötlich auf ihrem Haar glänzte, die bronzebraune Haut ihrer Schultern. »Du solltest heiraten«, sagte er plötzlich. »Du bist viel zu schön, um mit einem alten Mann auf einem Berg festzusitzen.«
    »Versuch nicht, das Thema zu wechseln«, erwiderte sie zornig, schnappte sich das Brett und ging zehn Schritte zurück. Er kicherte kopfschüttelnd in sich hinein und akzeptierte seine Niederlage. Sorgsam legte er den stählernen Riegel des unteren Schußarms zurück. Der Federhaken klickte. Er legte einen kurzen schwarzen Bolzen ein und drückte die Kimme sanft gegen die Sehne. Dann wiederholte er den Vorgang mit dem oberen Schußarm. Anschließend stellte er die Spannung in den gekrümmten bronzenen Auslösern ein. Die Waffe hatte ihn vor vielen Jahren ein kleines Vermögen in Opalen gekostet, doch sie war von einem Meister gefertigt, und Waylander hatte den Kauf nie bereut.
    Er hob den Blick und wollte Miriel gerade auffordern, zu werfen, als sie plötzlich das Brett hoch in die Luft schleuderte. Das Sonnenlicht stach ihm in die Augen, doch er wartete, bis das sich drehende Brett den höchsten Punkt seiner Flugbahn erreicht hatte. Dann streckte er den Arm aus und drückte den ersten Auslöser. Der Bolzen blitzte durch die Luft und hämmerte in das Brett, riß es beinahe in zwei Teile. Als es herabstürzte, schoß er den zweiten Bolzen ab. Das Brett explodierte in Fetzen.
    »Du bist schrecklich!« sagte sie.
    Er machte eine tiefe Verbeugung. »Du solltest dich geehrt fühlen«, erwiderte er und unterdrückte ein Lächeln. »Normalerweise gebe ich keine Vorstellung ohne Bezahlung.«
    »Wirf noch einmal«, befahl sie und spannte die Armbrust erneut.
    »Das Brett ist zerschmettert«, erinnerte er sie.
    »Wirf das größte Stück.«
    Er holte seine Bolzen zurück und wog das größte Stück in den Händen. Es war nicht mehr als zehn Zentimeter breit und nicht einmal dreißig Zentimeter lang. »Bist du bereit?«
    »Wirf einfach!«
    Mit einer Drehung des Handgelenks wirbelte er das Stück in die Luft. Die Armbrust fuhr hoch; der Bolzen sirrte und schlug in das Holz. Waylander spendete dem Schuß Beifall. Miriel machte eine elegante Verbeugung.
    »Von Frauen erwartet man, daß sie knicksen«, sagte er.
    »Und daß sie Kleider tragen und sticken lernen«, gab sie zurück.
    »Wohl wahr«, räumte er ein. »Wie gefällt dir die Armbrust des Mörders?«
    »Sie ist gut ausgewogen und sehr leicht.«
    »Ventrisches Ebenholz, und der Schaft ist hohl. Bist du für ein paar Schwertspielereien bereit?«
    Sie lachte. »Ist dein Stolz für den nächsten Schlag bereit?«
    »Nein«, gab er zu. »Ich glaube, wir sollten früh zu Bett gehen.«
    Sie sah enttäuscht aus, als sie ihre Waffen einsammelten und sich auf den Weg zur Hütte machten. »Ich glaube, du brauchst einen besseren Schwertlehrer als mich«, sagte er beim Gehen. »Es ist deine beste Waffe, und du bist wirklich begabt. Ich denke ernsthaft darüber nach.«
    »Ich dachte, du wärst der beste«, neckte sie.
    »Das glauben Töchter immer von den Vätern«, bemerkte er trocken. »Nun ja, mit der Armbrust oder dem Messer bin ich hervorragend. Mit dem Schwert? Nur ausgezeichnet.«
    »Du bist sehr bescheiden! Gibt es ein Gebiet, auf dem du nicht glänzt?«
    »Ja«, antwortete er, und sein Lächeln verging.
    Er beschleunigte seinen Schritt. Seine Gedanken verloren sich in schmerzlichen Erinnerungen. Seine erste Familie war von Räubern hingemetzelt worden – seine Frau, seine beiden Mädchen, noch Säuglinge, und sein Sohn. Das Bild stand noch immer klar vor seinen Augen. Er hatte den Jungen tot im Blumengarten gefunden, das kleine Gesicht umrahmt von Blüten.
    Und vor

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