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Die Daemonin des Todes

Die Daemonin des Todes

Titel: Die Daemonin des Todes
Autoren: Christopher Golden , Nancy Holder
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Prolog

    Die Insel Kefi war ein trostloser Ort, wo sich nur der warme Meereswind regte und die Geister der modernden Toten. Doch bei Sonnenaufgang wurden die Seelen für einen weiteren Tag zur Ruhe gebettet, und nur der Wind blieb. Manchmal war er stark genug, um die drei Glocken zum Läuten zu bringen, die in ihren weiß getünchten Bögen hingen, die eine über den anderen beiden angebracht, auf dem steinernen Felsen hoch über dem kretischen Meer.
    Manchmal, wie an diesem Morgen, waren die Glocken laut genug, um die Aufmerksamkeit des ätherischen Wesens zu erregen, das in der Kirche, die in den Felsen hineingebaut war, sein Unwesen trieb. Einst hatten die Gläubigen der winzigen Insel dort gebetet. Aber es gab keine Gläubigen mehr auf Kefi.
    Innerhalb der weißen Mauern der Kirche erwachte Veroniques Geist flüsternd zum Leben. Sie hörte die Glocken und den Wind, der an den verrottenden, leeren Fensterrahmen rüttelte, und die Brandung, die sich tief unten an der Klippe brach. Was von ihr übrig war - eigentlich kaum mehr als ein Geist, aber weit mehr als jene Erinnerungen, die des Nachts über die Insel irrten -, glitt zwischen den Kirchenbänken zu den Türen, die schon vor langer Zeit zerbrochen waren.
    Veronique hatte keine Augen, um die Sonne zu sehen, und dennoch war sie Zeugin ihrer gleißenden Schönheit. Hier, an die Kirche gefesselt, hatte sie verfolgt, wie die Jahrzehnte vergingen und das Sonnenlicht die Kirche ausbleichte und ihre Kreuze und der kleine Glockenturm die Farbe von Knochen annahmen. Was auf perverse Weise zu etwas derart Baufälligem und Totem passte.
    Als sie hier in Gefangenschaft geraten war, vor einhundertsiebenundzwanzig Jahren, war die Sonne ein kostbares Geschenk gewesen, etwas völlig Neues. Da ihre Knochen zu Staub zerfallen waren, hatte sie die Strahlen der Sonne nicht mehr fürchten müssen. Aber der Reiz des Neuen hatten sich sehr schnell abgenutzt. Die Sonne war kein gleichwertiger Ersatz für ihre Freiheit, für die Fähigkeit, im Dienste ihrer Meister die Welt zu bereisen.
    Es war töricht von ihr gewesen, hierher zu kommen, diesem Mädchen zu erlauben, sie an einen derart entlegenen Ort zu führen. Das Triumvirat hatte Veronique für ihren Leichtsinn bestraft, indem es ihr jede Hilfe versagte und sie an die Insel kettete.
    Aber an diesem Morgen, diesem letzten Morgen, genoss sie das Glitzern der Sonne auf dem Meer und das Flimmern der heißen Luft über dem weißen Dach der Kirche. Denn sie wusste, dass sich ihre Gefangenschaft dem Ende näherte. Das Triumvirat brauchte erneut ihre Hilfe und war bereit, ihr ihren Leichtsinn zu verzeihen und einen Weg zu suchen, sie zu befreien.
    Die Meister würden eine Hülle für sie finden, ein Gefäß, in das sie ihre Essenz füllen konnte. Dann würde sie ihnen erneut dienen. All die Omen in den letzten Tagen und all die Sterne deuteten auf eines hin: Es war an der Zeit, dass ihre Meister wieder über die Erde wandelten. Und Veronique würde ihre Heroldin sein, das Ende der Welt ankünden, den Weg vorbereiten, das Ritual durchführen. Sie würde die Welt mit dem Blut ihrer Opfer taufen, im Namen des Triumvirats. Sie würde sich daran ergötzen, bis sie keinen weiteren Tropfen Blutes mehr sehen konnte.
    Veronique würde die Sonne nicht vermissen. Nicht, wenn das Mondlicht so viel Vergnügen bot.

    Auf dem Deck der Charybdis schirmte Cheryl Yeates mit einer Hand ihre Augen vor der Sonne ab und betrachtete die sichelförmige Küste von Kefi. Das Boot war früher ein Fischkutter gewesen, aber der Besitzer hatte es für Ausflugsfahrten zu den griechischen Inseln umgebaut. Dem Geruch nach zu urteilen war der Umbau vor noch nicht allzu langer Zeit erfolgt.
    »Was meinst du, Schatz?«
    Cheryl blickte noch einen Moment nachdenklich zur Insel hinüber, bevor sie sich zu ihrem Mann Steve umdrehte. Er saß rittlings auf dem Bug, mit einem Bier in der Hand. Seine Haut war nach der tagelangen Reise entlang der griechischen Küste krebsrot und schälte sich bereits an einigen Stellen. Cheryls Haut war inzwischen dunkelbraun, wohingegen Steve nie richtig braun zu werden schien. Er bekam bloß einen Sonnenbrand nach dem anderen.
    Aber er war ein feiner Kerl und beschwerte sich nicht.
    »Ich weiß es nicht«, gestand sie. »Dimitri war ziemlich hartnäckig, sonst wäre ich nie hierher gekommen. Ich werde schließlich nicht tageweise bezahlt, weißt du?«
    Steve stand auf, wobei er darauf achtete, nicht auf dem Deck auszurutschen, und trat zu ihr. Er

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