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Die Brooklyn-Revue

Die Brooklyn-Revue

Titel: Die Brooklyn-Revue
Autoren: Paul Auster
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der Scheidung seiner Eltern gut überstanden zu haben – ebenso die stürmische Pubertät seiner jüngeren Schwester, die sich gegen die zweite Ehe ihrer Mutter aufgelehnt hatte und mit siebzehn von zu Hause weggelaufen war   –, und ich konnte nur bewundern, wie fest er mit den Füßen auf dem Boden geblieben war. Er hatte wenig oder keinen Kontakt zu seinem Vater, der gleich nach der Scheidung nach Kalifornien gezogen war und einen Job bei der
Los Angeles Times
angenommen hatte, und empfand,ähnlich wie seine Schwester (wenn auch in stark gedämpfter Form), keine sonderliche Zuneigung oder Respekt für Junes zweiten Ehemann. Er und seine Mutter verstanden sich aber gut, und die beiden hatten das Drama von Auroras Verschwinden als gleichberechtigte Partner durchlebt, dieselbe Verzweiflung durchlitten und dieselben Hoffnungen gehegt, dieselben bösen Erwartungen, dieselben nie aufhörenden Sorgen geteilt. Rory war eins der lustigsten, bezauberndsten Mädchen gewesen, die ich je gekannt habe: ein Wirbelwind, vorlaut, frech und neunmalklug, impulsiv und mutwillig bis zum Gehtnichtmehr. Seit ihrem zweiten oder dritten Lebensjahr hatten Edith und ich sie nur noch das Lachende Mädchen genannt; sie war die hauseigene Entertainerin der Woods, ein Clown, der mit den Jahren immer pfiffiger und wilder wurde. Tom war nur zwei Jahre älter als sie, aber er hatte sich immer um sie gekümmert, und seine bloße Anwesenheit hatte nach dem Fortgang des Vaters ihrem Leben Halt gegeben. Dann aber ging er aufs College, und Rory geriet außer Kontrolle – erst entwich sie nach New York, und dann, nach einer kurzzeitigen Versöhnung mit ihrer Mutter, verschwand sie ins Unbekannte. Als Toms Examen mit jenem Essen gefeiert wurde, hatte sie bereits ein außereheliches Kind geboren (ein Mädchen namens Lucy), war gerade lange genug nach Hause zurückgekommen, um meiner Schwester das Baby in den Schoß zu werfen, und dann aufs Neue verschwunden. Als June vierzehn Monate später starb, erfuhr ich von Tom auf der Beerdigung, dass Aurora vor kurzem wieder aufgetaucht war und das Kind zurückverlangt hatte – nur um nach zwei Tagen wiederum zu verschwinden. Zur Beerdigung ihrer Mutter erschien sie nicht. Vielleicht wäre sie gekommen, sagte Tom, aber sie hätten nicht gewusst, wie oder wo man mit ihr Kontakt habe aufnehmen können.
    Trotz dieser familiären Schwierigkeiten und obwohl er seine Mutter schon mit dreiundzwanzig verlor, hatte ich nie daran gezweifelt, dass Tom seinen Weg machen würde. Mit seinen Anlagen konnte er nicht scheitern, einen starken Charakter wie ihn konnten die unvorhersehbaren Stürme des Schicksals nicht aus der Bahn werfen. Bei der Beerdigung seiner Mutter war er, von Trauer überwältigt, wie betäubt umhergelaufen. Wahrscheinlich hätte ich mehr mit ihm reden sollen, aber ich war selbst viel zu erschüttert, als dass ich ihm irgendwie hätte beistehen können. Ein paar Umarmungen, ein paar gemeinsame Tränen, mehr aber auch nicht. Dann ging er nach Ann Arbor zurück, und der Kontakt riss ab. Ich gebe hauptsächlich mir die Schuld daran, aber Tom war alt genug, selbst die Initiative zu ergreifen, und hätte sich jederzeit bei mir melden können. Oder wenn nicht bei mir, dann bei seiner Cousine Rachel, die inzwischen in Chicago studierte und also ebenfalls im Mittleren Westen lebte. Sie kannten sich seit frühester Kindheit und waren immer gut miteinander ausgekommen, aber auch von ihr schien er nichts wissen zu wollen. Die Jahre vergingen, und gelegentlich beschlichen mich leise Schuldgefühle, aber ich hatte selbst eine schwierige Phase (Eheprobleme, Gesundheitsprobleme, Geldprobleme) und war zu abgelenkt, um groß über ihn nachzudenken. Und wenn ich einmal an ihn dachte, stellte ich ihn mir als fleißigen Studenten vor, der systematisch seine Karriere verfolgte und auf der akademischen Leiter immer höher stieg. Im Frühjahr 2000 war ich mir sicher, dass er längst eine Stelle an einer prestigeträchtigen Uni wie Berkeley oder Columbia angetreten hatte – ein erfolgreicher junger Intellektueller, der bereits an seinem zweiten oder dritten Buch arbeitete.
    Man stelle sich daher meine Überraschung vor, als ich an diesem Dienstagmorgen im Mai in Brightman’s Attichineinspazierte und dort hinter der Kasse meinen Neffen erblickte, der gerade einer Kundin Wechselgeld herausgab. Zum Glück sah ich Tom, bevor er mich sah. Gott weiß, was für bedauerliche Worte mir entschlüpft wären, hätte ich nicht diese zehn

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