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Die Brooklyn-Revue

Die Brooklyn-Revue

Titel: Die Brooklyn-Revue
Autoren: Paul Auster
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Republik hat sie dieser Neigung offenbar ziemlich freien Lauf gelassen. Im Gegensatz zu seiner eigenwilligen Mutter war der kleine Jonas ein stiller Junge, der gern las, ein guter Schüler war und davon träumte, Wissenschaftler oder Arzt zu werden. Er war siebzehn,als Hitler an die Macht kam, und wenige Monate später traf seine Mutter Vorbereitungen, ihn außer Landes zu bringen. In New York lebten Verwandte seines Vaters, und die waren einverstanden, ihn bei sich aufzunehmen. Im Frühjahr 1934 reiste er ab, während seine Mutter, die doch so frühzeitig die den Nichtariern im Dritten Reich drohenden Gefahren erkannt hatte, sich hartnäckig weigerte, diese Gelegenheit zu nutzen und selbst das Land zu verlassen. Ihre Familie sei seit Jahrhunderten deutsch gewesen, erklärte sie ihrem Sohn, und sie werde den Teufel tun, sich von irgendeinem hergelaufenen Tyrannen ins Exil jagen zu lassen. Komme, was da wolle, sie sei entschlossen, das durchzustehen.
    Wie durch ein Wunder gelang ihr das tatsächlich. Dr.   Weinberg erwähnte wenig Einzelheiten (möglich, dass er die Geschichte selbst nie vollständig erfahren hat), aber anscheinend gab es eine Gruppe von Christen, die seiner Mutter aus mehreren kritischen Situationen half, und 1938 oder 1939 gelang es ihr, sich falsche Ausweispapiere zu beschaffen. Sie veränderte ihr Aussehen radikal – nicht schwer für eine Schauspielerin, deren Spezialität exzentrische Charakterrollen waren; verkleidet als unscheinbare Blondine mit Brille, gelangte sie mit ihrem neuen Namen an einen Job als Buchhalterin in einem Textilgeschäft in einer Kleinstadt vor den Toren Hamburgs. Als der Krieg im Frühjahr 1945 endete, hatte sie ihren Sohn seit elf Jahren nicht mehr gesehen. Jonas Weinberg war inzwischen Ende zwanzig, ein fertig ausgebildeter Arzt, der gerade seine Assistenzzeit am Bellevue Hospital abschloss; sobald er erfuhr, dass seine Mutter den Krieg überlebt hatte, begann er mit den Vorbereitungen, sie zu einem Besuch nach Amerika zu holen.
    Alles war bis ins kleinste Detail geplant. Das Flugzeug würde um die und die Zeit landen, an dem und dem Gate parken, und dort würde Jonas Weinberg seine Mutter abholen.Gerade als er zum Flughafen fahren wollte, wurde er jedoch zu einer Notoperation ins Krankenhaus gerufen. Er hatte keine Wahl. Er war Arzt, und sosehr er sich danach sehnte, seine Mutter nach so vielen Jahren wiederzusehen, galt doch seine erste Pflicht den Patienten. In aller Eile wurde ein neuer Plan eingefädelt. Er rief bei der Fluggesellschaft an und bat darum, man möchte seine Mutter in New York in Empfang nehmen, ihr erklären, dass er in letzter Minute fortgerufen worden sei, und sie in ein Taxi nach Manhattan setzen. Er werde einen Schlüssel beim Portier deponieren, und sie solle schon in seine Wohnung gehen und dort auf ihn warten. Frau Weinberg hörte sich das alles an und stieg in ein Taxi. Der Fahrer raste los, und zehn Minuten später auf dem Weg in die Stadt verlor er die Kontrolle über den Wagen und stieß frontal mit einem anderen zusammen. Er und seine Passagierin wurden schwer verletzt.
    Unterdessen war Dr.   Weinberg bereits im Krankenhaus und operierte. Der Eingriff dauerte etwas über eine Stunde, und als der junge Arzt fertig war, wusch er sich die Hände, zog sich um und eilte aus dem Umkleidezimmer, um zum verspäteten Wiedersehen mit seiner Mutter nach Hause zu fahren. Als er auf den Flur trat, wurde gerade der nächste Patient in den Operationssaal geschoben.
    Es war seine Mutter. Nach dem, was Jonas Weinberg mir erzählte, ist sie gestorben, ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen.

EINE UNERWARTETE BEGEGNUNG
    J etzt quassele ich schon ein Dutzend Seiten, dabei hatte ich nur vor, mich den Lesern vorzustellen und die Kulissen für die Geschichte aufzubauen, die ich eigentlich erzählen möchte. Nicht ich bin die Hauptfigur dieser Erzählung. Die Ehre, als Held dieses Buches aufzutreten, gebührt meinem Neffen Tom Wood, dem einzigen Sohn meiner verstorbenen Schwester June. Little June-Bug, wie wir sie nannten, kam zur Welt, als ich drei war, und meine Eltern nahmen ihre Geburt zum Anlass, aus der engen Wohnung in Brooklyn in ein Haus in Garden City auf Long Island umzuziehen. Wir kamen immer gut miteinander aus, meine Schwester und ich, und als sie vierundzwanzig Jahre später heiratete (sechs Monate nach dem Tod unseres Vaters), führte ich sie zum Altar und gab sie ihrem Mann, Christopher Wood, der als Wirtschaftsjournalist für die
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