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Die Borgia: Geschichte einer unheimlichen Familie (German Edition)

Die Borgia: Geschichte einer unheimlichen Familie (German Edition)

Titel: Die Borgia: Geschichte einer unheimlichen Familie (German Edition)
Autoren: Volker Reinhardt
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Einleitung: Legenden und Fakten
    Der Name Borgia weckt unheimliche Assoziationen: Gift, das in funkelnde Wein-Pokale geschüttet und bei glänzenden Banketten ältlichen Kardinälen lächelnd verabreicht wird; Leichen, die aus dem Tiber gezogen werden; Orgien im Vatikan, bei denen die römischen Luxus-Prostituierten Hauptrollen übernehmen; Treibjagd auf unliebsame Konkurrenten, die erbarmungslos in ihren letzten Verstecken aufgespürt und zu Tode gehetzt werden; Inzest zwischen einem Papst und seiner Tochter. Sex and crime in allen nur denkbaren Spielarten zieht sich wie ein blutroter Faden durch das Bild dieser Familie. Ein heidnischer Genießer auf dem Thron Petri: Wer wollte, konnte das auch positiv sehen. Für Friedrich Nietzsche, den Umwerter aller Werte, war Cesare Borgia der Triumph des Lebens in all seiner ruchlosen Herrlichkeit über die Sklavenmoral des Christentums. Doch überwiegend diente der «Erinnerungsort» namens Borgia dazu, die Angstvorstellungen der verschiedenen Epochen zu bündeln: Alexander VI., der Antichrist als Papst; sein Sohn Cesare Borgia, der Brecher aller Verträge und Verderber der Politik; seine Tochter Lucrezia, die männermordende Femme fatale, schön, doch tödlich wie eine Schlange, das ewig ins Verderben lockende Weib. Auf diese Weise wurden die Borgia schnell zum Mythos.
    Aus diesem Fundus der Klischees kann man sich bis heute bedienen. Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Kombinationen: Alexander VI. wird als der Papst dargestellt, der ein Dutzend Nachkommen zeugte, als gemütvoller Familienmensch, der das widernatürliche Zölibat aufbrach und die Kirche im trauten Kreise der Seinen lenkte. Lucrezia Borgia, die dreimal zwangsverheiratete dynastische Handelsware, wird zur ersten emanzipierten Frau erhoben. In Sachen Borgia-Bilder gibt es nichts, was es nicht gibt.
    Schon zu Lebzeiten der Hauptpersonen rief der Name Borgia Angst und Schrecken hervor. Und das sollte auch so sein. Die Borgia, vor allem Papst Alexander VI. und sein Sohn Cesare, hatten dieses Image planvoll aufgebaut. Ihre Feinde sollten sie so sehr fürchten, dass sie jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen mussten, und auf diese Weise gefügig wurden. Ein solcher Ruf musste nicht nur gepflegt, sondern auch täglich inszeniert werden. Wie das geschah, lässt sich aus den Berichten zeitgenössischer Gesandter entnehmen. Die zwei klügsten dieser Diplomaten, der Venezianer Girolamo Donato und der Florentiner Niccolò Machiavelli, haben scharfsinnige Charakterstudien von Vater und Sohn Borgia vorgelegt.
    Donato hatte es als Vertreter der Lagunen-Republik mit Papst Alexander VI. zu tun. Sein Fazit: Dieser ewig lächelnde Pontifex maximus ist von seltener Verschlagenheit. Er lügt, wenn es ihm und seiner Familie nützt, denn die Größe der Seinen geht ihm über alles. Machiavelli traf Cesare, den Sohn, auf dem Höhepunkt seiner kriegerischen Eroberungen als Herzog der Romagna. Aus dieser starken Position heraus drohte er der Republik Florenz mit massiver militärischer Intervention, wenn sie ihm bei seinen Plänen nicht zu Willen sein würde. Machiavelli sollte herausfinden, wie stark dieser Fürst wirklich war, und mehr noch: wie er wirklich war. Machiavellis Diagnose fiel differenziert aus: Cesare Borgia war mutig bis zur Tollkühnheit, willensstark, zu allem entschlossen, schnell in seinen Aktionen, bei seinen Soldaten geachtet, bei seinen Untertanen so gefürchtet, dass sie ihm gehorsam waren – und zugleich ein Aufschneider und Aufsteiger mit dem dazugehörigen Imponiergehabe. Doch was würde aus diesem Glücksritter werden, wenn ihn das Glück einmal verließ?
    Beide Diplomaten standen vor derselben Aufgabe, die sich der Geschichtswissenschaft bei der Beschäftigung mit den Borgia stets aufs Neue stellt: Sie mussten hinter die kunstvoll erzeugten Fassaden der Propaganda blicken, um nicht nur die Absichten, sondern auch das wahre Gesicht der Borgia zu erkennen. Dabei wurden sie durchaus fündig: Die Macht der Familie rechtfertigte alles, auch Heimtücke und Mord. Sie war das alles beherrschende Ziel Alexanders VI. Sein Pontifikat von 1492 bis 1503 stand ganz und gar im Zeichen der Familienerhöhung, dieser Zweck heiligte alle Mittel. Das galt sogar für die große Politik. Als der Borgia-Papst 1493 die von Kolumbus neu entdeckte Welt zwischen Spanien und Portugal aufteilte, ließ er sich diese Grenzziehung von den spanischen Monarchen durch reiche Geschenke für seine Familie honorieren. Auch was

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