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Die Bancroft Strategie: Roman (German Edition)

Die Bancroft Strategie: Roman (German Edition)

Titel: Die Bancroft Strategie: Roman (German Edition)
Autoren: Robert Ludlum
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konnte Lugner seinen Preis selbst festsetzen.
    Nicht jeder Händler bewahrt sich ein gutes Verhältnis zu seinen Kunden, aber Lugner hatte offenbar Vorsorge getroffen: Er musste seinen Abnehmern suggeriert haben, er habe noch ein paar Trümpfe im Ärmel und sein Vorrat an amerikanischen Geheimnissen sei längst nicht erschöpft. Solange diese Möglichkeit bestand, würde ein Mann wie er beschützt werden müssen. Dazu passte seine Wohnung zwischen Stasi-Offizieren und weiteren Angehörigen der DDR-Nomenklatura, die eine ehemalige »Arbeitersiedlung« bezogen hatten, während richtige Arbeiter
heutzutage in eintönigen Plattenbausiedlungen hausten. Lugner war jedoch kein Mann, der allzu lange an einem Ort blieb. Vor sechs Wochen hatte Belknap ihn in Bukarest nur um wenige Stunden verfehlt. Das durfte hier nicht wieder passieren.
    Belknap wartete, bis ein paar klapprige Trabis und Škodas vorbeigefahren waren, und überquerte den Boulevard unmittelbar vor einer Kreuzung, an der ein Haushalts- und Eisenwarengeschäft sein dürftiges Angebot präsentierte. Würde ihm jemand folgen? Hatte er sich die Beschattung überhaupt nur eingebildet? Eine billige Tür aus Plexiglas und eloxiertem Aluminium – eine Fliegengittertür ohne Fliegengitter – knallte hinter ihm zu. Eine mürrische grauhaarige Frau mit leichtem Bartanflug starrte ihn hinter dem Verkaufstisch vorwurfsvoll an, als habe er sie bei etwas gestört oder sei hier unbefugt eingedrungen. In dem beengten Raum roch es durchdringend nach Maschinenöl; die Regale lagen voller minderwertiger Geräte, mit denen – das war auf den ersten Blick klar – offenbar niemand viel anfangen konnte. Die mürrische Frau, Verkäuferin und Kassiererin in einer Person, beobachtete mit finsterer Miene, wie er ein paar Dinge zusammensuchte, die zu jemandem passten, der in Wohnblocks Reparaturen vornahm: einen Blecheimer, einen Kübel mit Fertigputz, eine Kartusche Fugenkitt und einen breiten Spachtel. In einer Stadt, in der ständig etwas repariert werden musste, würde das Werkzeug seine Anwesenheit an fast jedem Ort augenblicklich erklären. Die Grauhaarige bedachte ihn mit einem weiteren mürrischen Der-Kunde-hat-immer-unrecht-Blick, nahm aber griesgrämig sein Geld entgegen, als akzeptiere sie Schadensersatz oder Schmerzensgeld.
    In den Wohnblock hineinzukommen erwies sich wider Erwarten als Kinderspiel – ein Vorzug des Lebens in einem Hochsicherheitsstaat, der wie eine Ironie des Schicksals anmutete. Belknap wartete einfach, bis mehrere stark parfümierte Hausfrauen mit Plastetüten voller Lebensmittel das Haus 435 betraten,
und folgte ihnen, wobei sein Werkzeug ihn nicht nur augenblicklich legitimierte, sondern ihm auch unausgesprochene Anerkennung sicherte. Er stieg im siebten Stock aus, eine Etage über den Hausfrauen. War er richtig unterrichtet – hatte sein magerer Informant mit dem fettigen, strähnigen Haar ihm die Wahrheit gesagt –, war er nur noch wenige Meter von seiner Beute entfernt.
    Sein Herz begann zu hämmern, ein Tomtom gespannter Erwartung, das er nicht unterdrücken konnte. Dies war keine gewöhnliche Beute. Richard Lugner war bisher allen nur denkbaren Schlingen ausgewichen, von denen er früher, als er noch im Dienst der Vereinigten Staaten gestanden hatte, einige selbst gelegt hatte. In den vergangenen achtzehn Monaten hatten amerikanische Geheimdienstler massenhaft Berichte von Leuten zusammengetragen, die ihn gesehen haben wollten, und glaubten nur wenige davon. Belknap hatte im letzten Vierteljahr Dutzende von trockenen Brunnenlöchern gebohrt, sodass seine Vorgesetzten jetzt nur noch an einer echten DPI, einer »direkten und positiven Identifizierung«, seiner Beute interessiert waren. Aber diesmal beobachtete er nicht nur eine Bar oder ein Café oder eine Flughafen-Lounge; diesmal hatte er eine Adresse. Stimmte sie auch? Dafür gab es keine Garantie, aber sein Instinkt – seine Nase – sagte ihm, dass das Blatt sich gewendet hatte. Er hatte ins Dunkel hineingestochert und war fündig geworden.
    Die nächsten Sekunden würden entscheidend sein. Lugners Unterkunft – offenbar eine größere Wohnung, deren Fenster auf die Hauptstraße und eine schmale Seitenstraße, die Koppenstraße, hinausführten – lag am Ende des langen Korridors, der im letzten Drittel abknickte. Belknap näherte sich der Wohnungstür und stellte seinen Eimer ab; aus der Ferne musste er wie ein Arbeiter aussehen, der eine fehlende Bodenfliese ersetzte. Er

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