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Die Astronauten

Die Astronauten

Titel: Die Astronauten
Autoren: Stanislaw Lem
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Anläßlich der Neuauflage hatte ich die Absicht, dieses vor fünfundzwanzig Jahren geschriebene Buch ein wenig zu überarbeiten, also gewissermaßen zu aktualisieren, doch nachdem ich es durchgesehen hatte, begriff ich, daß sich das nicht machen läßt. Ich habe es zu einer Zeit geschrieben, als es den Terminus »Astronauten« eigentlich nicht gab, so daß viele, sogar gebildete Leute ihn mit dem vertrauteren »Argonauten« verwechselten. Darüber hinaus ist der Planet Venus, auf dem ich die Handlung spielen ließ, kein gänzlich weißer Himmelsfleck mehr, da wir schon manches von ihm wissen, besonders dank den sowjetischen Sonden, die ihn erforschten. Wir haben also genug erfahren, um die vollständige Fiktivität der Bedingungen und der Landschaften auf der Venus, wie der Roman sie darstellt, zu begreifen. Außer Kenntnissen, zu denen niemand Zutritt hatte, gab es auch andere, die ich als Autor nicht angepackt habe – über den Bau von Raketen und sogar über die technische Seite der Astronautik hätte ich mich schon vor einem Vierteljahrhundert besser informieren können, als ich das getan habe. Und schließlich das Jahr zweitausend ... Aus der Perspektive der fünfziger Jahre schien es mir eine so weit entlegene Zukunft, daß man in ihr optimistische Träumereien von einer friedlich geeinten Welt unterbringen konnte. Jetzt aber, da es von Heeren gelehrter Futurologen aufs Korn genommen wird, gebietet es dem Optimismus Zurückhaltung und Dämpfung früherer, allzu naiver Hoffnungen. Wenn ich mich also wirklich an die Aktualisierung der »Astronauten« machen wollte, müßte ich ganz einfach einen völlig neuen Roman schreiben, da ich weder auf der Erde noch in der Rakete, noch am Himmel viele Einzelheiten, also die Bausteine, aus denen das Ganze errichtet ist, so lassen könnte, wie sie sind. Doch was geschähe dann mit den »Astronauten«? Und lohnt es überhaupt, ein irgendwann geschriebenes Buch noch einmal zu schreiben? Mir scheint, es lohnt nicht. Solange man dazu in der Lage ist, sollte man neue schreiben, die geschriebenen aber ihrem natürlichen Schicksal überlassen – mag jedes sich wehren, so gut es kann. Heute ist diese fantastische Geschichte nicht nur voll technischer Irrtümerund voller Vorhersagen, die von der Zeit umgestoßen worden sind, sondern sie ist auch sehr – in geradezu märchenhafter Weise – naiv. Der Leser, auch und vielleicht sogar vor allem der junge, wird schnell bemerken, daß sein Wissen von der Raumfahrt als realem Phänomen, selbst wenn es den Tageszeitungen entnommen ist, das Wissen des Autors vor fünfundzwanzig Jahren weit übertrifft. Wenn aber davon nicht mehr die Rede sein kann, dieses Buch sei eine fantastisch kühne Prognose, mag erlaubt sein, es als ein spezifisches Dokument von ein bißchen historischem Wert anzusehen, nämlich als einen von der Zeit in wesentlichem Umfang bestätigten Versuch, der seine Mängel und Fehler enthüllt hat, die wissenschaftlichen und technischen ebenso wie die literarischen. Was die erzählerischen Naivitäten angeht – die werden nie durch irgend etwas gerechtfertigt und werden sich immer als ungenügende Arbeit erweisen. Die zahlreichen Abschnitte indessen, deren rein sachliche Unrichtigkeit die Zeit festgenagelt und entblößt hat, sind vielleicht nicht wertlos, weil sie am Ende eine recht interessante Untersuchung der Beziehungen zwischen dem Schwung der in die Zukunft gerichteten Vorstellungskraft und ihrem Rivalen und Gegner, der Wirklichkeit, erlauben. Ein solcher Vergleich zeigt, daß auf dem Gebiet des technischen Fortschritts gewöhnlich alles schneller und in stärker revolutionärer Weise verläuft, als die Fantasie sich das vorstellen kann, während gleichzeitig im Bereich der gesellschaftlich-bewußtseinsmäßigen Angelegenheiten alles langsamer und mit großen Beschwerlichkeiten vor sich geht. Doch ich will aus diesen Bemerkungen keine systematische Abrechnung mit den »Astronauten« machen, ich will ihr Soll und Haben nicht gegeneinander aufrechnen. Dieses Buch versucht stellenweise, in fantastischen Vorträgen von dem zu lehren, was heute bereits existiert (nicht nur für den Kosmonauten – so sind z. B. die technischen Parameter meines Marax von den mathematischen Maschinen der jüngsten Generation der siebziger Jahre bereits überholt). Es ist darin auch ein Problem enthalten, das den Antrieb zur Abfassung bildete, das Problem der atomaren Bedrohung, denn die Geschichte der Vernichtung des Lebens auf dem

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