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Dichterliebe: Roman (German Edition)

Dichterliebe: Roman (German Edition)

Titel: Dichterliebe: Roman (German Edition)
Autoren: Petra Morsbach
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BEGEGNUNGEN
    Über die Asche gebeugt , brannte mein Herz
    Peter Huchel
    Eine Frau kommt über den Rasen auf mich zu und fragt: » Ist das hier das Künstlerhaus?« Ich muß in der Hitze eingenickt sein auf meinem Plastestuhl, das Hemd klebt mir am Rücken, Schweiß rinnt in die Augen. Vor dem weißen Rock die dunklen Schlieren eines Traums. Alptraum, was sonst … Ich kam zu spät zur Lesung, suchte vergeblich den Ort, landete in der falschen Stadt, rannte durch einen Bahnhof ohne Anzeigetafeln. Eine Durchsage meldete zwanzig Minuten Verspätung, aber von welchem Zug? Bahnbedienstete standen herum und erklärten: » Das alles geht uns nichts mehr an.« Eine Schaffnerin rief: » Geschieht Ihnen recht!« Endlich fand ich die Bibliothek, Zuhörer waren auch da, aber es stellte sich heraus, ich war gar nicht eingeladen.
    Der weiße Rock jetzt vor mir. Eine blaue Bluse mit silbernen Blättchen auf der Brust – die Silhouette eines Einhorns. Wieso Einhorn? Frau mit Sonnenbrille, Typ Westschnepfe: So stelle ich mir eine Zahnarztgattin auf Kulturtourismus vor. » Ja«, seufze ich, » das ist das Künstlerhaus.«
    » Dann sind Sie sicher ein Künstler?«
    » Ja.« Was sonst?
    » Ich auch!« Sie strahlt mich an. Streckt mir die Hand entgegen: » Sidonie Fellgiebel. Ich trete heute mein Stipendium an!«
    Eine Mitbewohnerin, o Gott. Ich stehe mühsam auf und reiche ihr die Hand. » Heinrich Steiger?« Den Namen hört sie sichtlich zum ersten Mal. Natürlich hört sie ihn zum ersten Mal. Deine Zeit ist vorbei, gewöhne dich daran.
    » Sonntags ist das Büro nicht besetzt«, bemerke ich lahm.
    » Ich weiß. Irene Ammann vom Appartement vier soll meinen Schlüssel haben. Aber vorn macht niemand auf. Das ist doch das Haupthaus? Wohnen Sie auch dort?«
    Nein, ich wohne nicht dort, ich wohne hier im Schafstall, im sogenannten. Und was geht mich Irene Ammann an? Wahrscheinlich ist sie drüben bei den Bildenden Künstlern und kocht. Warum kocht sie nicht mit mir? Seit Tagen habe ich sie nicht gesehen, immer hockt sie auf ihrer Bude, na, vielleicht ist sie krank. Bei schönem Wetter sitzt sie manchmal abends mit einem Schreibblock auf dem Mäuerchen und notiert Einfälle für ihre Extremlyrik. Aber noch ist nicht Abend.
    » Was ist Extremlyrik?«
    Habe ich laut gesprochen? Auch das noch. » Vielleicht erklärt Ihnen besser Irene selbst … Entschuldigen Sie mich, ich bin … Hof der Bildenden Künstler ist das nächste große Haus, die Straße entlang links …«
    » Vielen Dank!« Die Schnepfe hüpft davon. Nicht mehr ganz jung, Mitte Dreißig vielleicht, etwas schwerer Hintern. Wirkt wie eine Anfängerin. Westanfängerin. Wehe, sie schenkt mir ihr Erstlingswerk.
    Zwei Stunden später taucht sie wieder auf und erkundigt sich, wo sie was zu essen bekäme. Den Schlüssel hat sie inzwischen ergattert, aber gekocht habe dort niemand, sie wolle mich auch nicht schröpfen, nur meinen Rat. Eben habe ich selber Abendbrot aus der Küche geholt, auf dem Plastetisch stehen Käse, Tomaten und Rotwein, der Edeka hat zu, was soll ich tun? Ich lade sie ein, und sie macht sich über alles her. Dabei stellt sie Fragen, und während ich antworte, sehe ich die Vorräte schrumpfen. » Halle?« fragt sie. » Ach, aus der DDR ? Halle bei Bitterfeld? Und wieso leider jetzt Speyer?«
    » Ich mußte irgendwohin. Meine Frau … Ich hatte eine Pechsträhne. Ich hatte wohl immer schon … aber die Wende hat mir den Rest gegeben. Das heißt, nicht die Wende an sich – die haben wir alle begrüßt …« Immer noch benebelt. So schnell wie Sidonie ißt, trinke ich Rotwein, er macht mich ruhiger, wenn auch nicht klar.
    » Meine Frau … Ein Westonkel hat ihr etwas vererbt. Da wollte sie plötzlich ein neues Leben anfangen – als ob es das gäbe. Das Leben ist niemals neu …«
    » Wegen der Erbschaft ist die Ehe in die Brüche gegangen?« fragt Sidonie erstaunt, während sie meine letzte Tomate zerschneidet.
    » Nein! Natürlich nicht nur deswegen. Es gab seit jeher Differenzen, aber unter normalen Bedingungen rauft man sich zusammen. Wir Ostler haben die Sprengkraft des Geldes unterschätzt … Jetzt führen wir Scheidungsprozesse. Meine Tochter habe ich seit zwei Jahren nicht gesehen, sie ist gerade zehn …«
    » Schreiben Sie ihr?«
    » Ach, das hätte doch keinen Zweck. Das heißt, ich habe die Nerven verloren …« Und ich erzähle alles – ungebremst, unbremsbar, einem wildfremden Menschen, warum? Seit fünf Jahren ohne Heimat, wie hält man das aus, findet

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