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Deus Ex Machina - Teil 1: Thriller

Deus Ex Machina - Teil 1: Thriller

Titel: Deus Ex Machina - Teil 1: Thriller
Autoren: André Lütke-Bohmert
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Eine letzte Botschaft
     
    Ich bin nicht verrückt. Das sollten Sie nicht mal in Erwägung ziehen. Es wäre ein großer Fehler. Verachten Sie mich, wenn Ihnen das hilft. Nennen Sie mich einen verfluchten Hurensohn. Aber halten Sie mich nicht für wahnsinnig.
    So einfach ist es nicht.
    Ich war mir sicher, alles verstanden zu haben. Alles durchschaut zu haben. Es war ein Irrglaube. Leben wir tatsächlich in der besten aller möglichen Welten?
    Der Mensch ist nicht frei. Auch ich bin es nicht. Sie wollen an meinem Leben teilhaben? Glauben Sie mir, Sie könnten es nicht ertragen. Sie werden nie begreifen, was ich erkannt habe. Bin ich ein Opfer der Umstände? Ein Kind der Welt, die mich umschlingt? Sagen Sie es mir.
    Die Universität ist zu einem Bienenstock verkommen. Bevölkert von einfältigen Drohnen, die jedem, der ihnen eine Daseinsberechtigung vorgaukelt, in blindem Gehorsam folgen. Nach geistiger Nahrung lechzend. Unfähig, sich selbst zu versorgen. Es widert mich an, wie sie ihre Ideale verkaufen. Wie sie in den heiligen Hallen des Wissens über Castingshows und Klingeltöne diskutieren. Sie sind zu Sklaven ihrer Konsumgier mutiert und merken es nicht einmal. Ich bemitleide sie nicht. Sie haben ihr Schicksal verdient. Sollen sie sich doch weiter wie die Lemminge von Klippen stürzen. Sollen sie doch weiter ihre Kämpfe führen. Alle gegen Alle. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Habe ich Recht, Phil?
    Verwirre ich Sie? Entspreche ich nicht dem Typ Täter, der Ihnen vorgeschwebt hat? Sie haben doch keine Ahnung, wie es ist, eine Offenbarung zu erfahren. Natürlich nicht. Wie sollten Sie auch?
    Sie wollen wissen, warum ich Pape getötet habe? Lassen Sie es mich so sagen: Er war eine Gefahr. Er war der Teufel. Ich habe ihn gerichtet.
    Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon die Schublade, die Sie gleich öffnen und mit ‚Religiöser Fanatiker‘ beschriften werden, um mich hineinstopfen zu können. Sie langweilen mich. Die Welt langweilt mich, und es war mein Wille, sie zu verändern. Sie haben ja keine Vorstellung, wie es ist, gefangen zu sein.
    Glauben Sie an die Existenz Gottes? Abermillionen von Menschen bevölkern Kirchen und Tempel, Moscheen und Synagogen. Sie trichtern ihren Kindern Gebete ein und fristen ihr karges Dasein nach Regeln, die ihnen diktiert werden - vorgekaut von scheinheiligen Propheten eines allmächtigen und allwissenden Gottes. Eines allgegenwärtigen und gütigen Vaters. Wenn Gott allmächtig ist, warum lässt er zu, dass seine Schöpfung mit Leid und Schmerz überzogen wird? Weiß er nichts davon? Wie kann er dann allwissend sein? Ist er gerade unpässlich? Wie kann er dann allgegenwärtig sein? Will er die Menschheit leiden sehen? Wie kann er dann gütig sein?
    Hast du eine Antwort, Phil?
    Ich habe meinen Gott gesehen. Ich kann ihn spüren. Kennen Sie das erste Gebot? Du kennst es, nicht wahr, Phil? Du hast mich immer verstanden. Du warst mein Übermensch.
    Gott ist tot!
    Nur zu: Analysieren Sie mich. Sezieren Sie mich. Lassen Sie Ihre Psychologen von der Leine. Na los doch! Grübeln Sie über Täterprofilen. Graben Sie in meiner Kindheit nach traumatischen Erlebnissen.
    Ich ... bin ... nicht ... verrückt!
    Sie können es nicht verstehen. Noch nicht. Sie werden verstehen, wenn es soweit ist. Und Sie werden mir dankbar sein.
    Phil, es tut mir leid, dich enttäuscht zu haben. Bitte, Phil. Warum tust du mir das an? Ich hab doch nichts Falsches getan.
    Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.
    Es ist vollbracht!
     
    Ein dunkles Echo erklang. Gefolgt von statischem Rauschen.
    Walter Beekmann starrte auf das flirrende Schneegestöber, das den Bildschirm befiel wie eine Seuche. Zögerlich, als gelte es einen Magnetismus zu überwinden, neigte er den Kopf zur Seite und sah zu, wie Hauptkommissar Rensing sich vorbeugte und die Fernbedienung auf den Tisch fallen ließ. Beekmann kniff die Augen zusammen, als einer der Polizeibeamten die in Nikotin getränkten Lamellenvorhänge zurückzog und Sonnenstrahlen durch das Zimmer säbelten. Das wackelige kleine Schränkchen mit Einschub, das den Sony-Fernseher mit integriertem Videorecorder enthielt, erinnerte ihn an das nur wenig größere Universitätsmodell. Massenware auf Plastikrollen. Beekmann sah sich um. Noch vor einer halben Stunde hatte ihn die spartanische Ausstattung von Zimmer 121, dem Vernehmungsraum des Polizeipräsidiums, wie Rensing erklärt hatte, eher belustigt als eingeschüchtert. Jetzt, unter dem beklemmenden Eindruck der

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