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Der Zauberhut

Der Zauberhut

Titel: Der Zauberhut
Autoren: Terry Pratchett
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E s war einmal ein Mann, und er hatte acht Söhne. Ansonsten beschränkte sich seine Bedeutung auf die eines Kommas im Buch der Geschichte. Es ist traurig, aber über gewisse Menschen läßt sich einfach nicht mehr sagen.
    Der achte Sohn wuchs auf, heiratete und zeugte ebenfalls acht Söhne. Und da es für den achten Sohn eines achten Sohnes nur einen angemessenen Beruf gibt, lernte er die Kunst der Zauberei. Er wurde weise und mächtig – nun, zumindest mächtig –, trug einen spitzen Hut, und normalerweise hätte sich sein Schicksal damit erfüllt.
    Nicht so in diesem Fall.
    Er ignorierte die Gebote der Magie und handelte zweifellos entgegen aller Vernunft (wobei die warme, oftmals recht verwirrende und unvernünftige Vernunft des Herzens eine Ausnahme bildet), als er aus den Sälen der Zauberei floh, sich verliebte und heiratete – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
    Er hatte sieben Söhne, und jeder von ihnen war schon in der Wiege mindestens ebenso mächtig wie die übrigen Zauberer auf der Scheibenwelt.
    Und dann bekam er einen achten Sohn…
Einen Zauberer hoch zwei. Eine Quelle der Magie.
Einen Kreativen Magus.

    D er Donner eines sommerlichen Gewitters hallte über die Sandsteinklippen. Tief unten saugte das Meer am Kies, so laut wie ein zahnloser Greis, der seine Suppe schlürft. Einige Möwen segelten träge im Aufwind und warteten darauf, daß irgend etwas geschah. Der Vater von acht Zauberern saß im spärlichen, raschelnden Gras am Klippenrand, hielt das Kind in den Armen und starrte über den Ozean.
    Dunkle Wolken ballten sich am Horizont zusammen und zogen langsam landwärts. Sie schoben jene Art von sirupartigem Licht vor sich her, die auf ein zu allem entschlossenes Unwetter hinweist.
    Als hinter ihm plötzliche Stille herrschte, drehte sich der Vater um und starrte aus tränengeröteten Augen auf eine große Gestalt, die einen schwarzen Kapuzenmantel trug.
    ALLESWEISS DER ROTE? fragte der Fremde. Die Stimme war so hohl wie ein leeres Gewölbe, so dicht wie ein Neutronenstern.
    Allesweiß lächelte das schreckliche Lächeln eines Mannes, der von einem Augenblick zum anderen überschnappt. Er hob das Kind, damit Tod es betrachten konnte.
    »Mein Sohn«, sagte er. »Ich nenne ihn Münze.«
    EIN NAME IST SO GUT WIE JEDER ANDERE, erwiderte Tod höflich. Aus leeren Augenhöhlen blickte er auf ein kleines, rundliches und schlummerndes Gesicht herab. Allen Gerüchten zum Trotz ist Tod keineswegs grausam – er versteht nur sein Handwerk. In dieser Hinsicht kann es niemand mit ihm aufnehmen.
    »Du hast seine Mutter geholt«, sagte Allesweiß. Es war nur eine Feststellung, die er ohne jeden Groll traf. Rauch stieg aus dem Tal hinter den Klippen: Nur Ruinen erinnerten an das Haus des Zauberervaters, und der Wind wehte Asche über die seufzenden Dünen.
    LETZTENDLICH FIEL SIE EINEM HERZANFALL ZUM OPFER, erwiderte Tod. ES GIBT SCHLIMMERE ARTEN ZU STERBEN. GLAUB MIR, ICH KENNE MICH AUS.
    Allesweiß sah wieder übers Meer. »Ich konnte sie nicht einmal mit meiner Magie retten«, murmelte er.
AN MANCHEN ORTEN VERSAGT SELBST DIE ZAUBEREI.
    »Und jetzt hast du es auf das Kind abgesehen.«
NEIN. DEINEN ACHTEN SOHN ERWARTET EIN ANDERES SCHICKSAL. ICH BIN DEINETWEGEN GEKOMMEN.
    »Oh.« Der Zauberer stand auf, legte das Kind vorsichtig ins dünne Gras und griff nach einem langen Stab. Schwarzes Metall glänzte, wies viele silberne und goldene Verzierungen auf, die ebenso komplex wie geschmacklos wirkten. Bei dem Metall handelte es sich um Oktiron, die eherne Substanz der Magie.
    »Ich habe ihn selbst hergestellt«, verkündete Allesweiß stolz. »Es heißt, man könne keinen solchen Stab aus Metall schaffen. Die anderen Zauberer behaupteten, er müsse unbedingt aus Holz bestehen, aber sie irrten sich. Ich habe mir dabei große Mühe gegeben. Er ist das Werk meines Denkens und Fühlens, und ich werde ihn meinem Sohn überlassen.«
    Seine Fingerkuppen glitten liebevoll über den Stab, der auf die Berührung reagierte und leise summte.
»Das Werk meines Denkens und Fühlens«, wiederholte er nachdenklich.
EIN GUTER STAB, pflichtete ihm Tod bei.
    Allesweiß hob ihn und blickte auf seinen achten Sohn herab, der leise gluckste.
»Meine Frau wollte eine Tochter«, sagte er.
    Tod zuckte mit den Schultern. Allesweiß starrte ihn verwirrt und zornig an.
»Was ist er?«
    DER ACHTE SOHN DES ACHTEN SOHNES EINES ACHTEN SOHNES, gab Tod bereitwillig Auskunft. Der Wind zerrte an seinem Umhang und trieb die dunklen Wolken

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