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Der Wolkenkratzerthron (German Edition)

Der Wolkenkratzerthron (German Edition)

Titel: Der Wolkenkratzerthron (German Edition)
Autoren: Tom Pollock
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Kapitel 1
    Ich bin auf der Jagd. Die Sonne hockt tief über Battersea, und ihre Strahlen huschen wie Kriegsbemalung über das Mauerwerk, während ich durch den Bahntunnel streife. Meine Beute kann jetzt nicht mehr weit sein: Ein scharfer Brandgeruch liegt in der Luft, und alle paar Meter entdecke ich ein weiteres verkohltes Bündel, das vor Kurzem noch eine Ratte war.
    Ich erhöhe das Tempo, hetze mit meinen nackten Füßen ungeduldig über die Schienen. Ich schwenke meinen Speer in flachem Bogen, um die Elektrizität ihrer Fährte zu wittern – wie mit einer Wünschelrute suche ich nach dem Monster.
    Die Stadt um mich her ist ahnungslos. Unter den Backsteinbögen gehen die Leute bei Kiosken und Schnapsläden ein und aus; ein paar Jungs stehen da und plaudern, spucken große Töne über irgendein Mädchen, das ihnen gefällt. Und dann, über all das Gelächter, das Rauschen des Abendverkehrs, das Wummern ferner Musik und alle andern Geräusche hinweg, höre ich ihren Schrei, der wie das Kreischen von Bremsen klingt.
    Mein Herz verkrampft sich. Sie haben keine Ahnung, in welcher Gefahr sie sind, keiner von ihnen, jetzt, da sie frei ist – jetzt, da sie erwacht ist.
    In Mater Viaes Namen, sie ist erwacht .
    *
    Ich hatte ihre Fährte bei Kings Cross aufgenommen, in diesem Nest aus geflochtenem Stahl nördlich des Bahnhofs. Sie hatte ihren Zug verlassen, einen schweren Güterzug, der völlig lahmgelegt war, jetzt, da ihr Geist ihm kein Leben mehr einhauchte. Der Fahrer hatte einfach nur wie betäubt dagesessen, ohne den blassesten Schimmer, was mit seiner Maschine nicht stimmte. Hinter dem Hindernis reihten sich weitere Züge mit ihren Bändern hell erleuchteter Fenster ein, voll murrender Passagiere, die mit ihren Handys spielten und sich fragten, was zum Teufel der Grund für die Verzögerung war.
    Seitdem bin ich ihr hartnäckig auf den Fersen: ein gnadenloser Jäger.
    Na ja … fast gnadenlos.
    Einmal ließ ich sie laufen – ich musste . Ihre Spur führte durch die Baustellen bei St Paul’s, vorbei an der Kathedrale, mitten durch die klauenartigen Schatten von Reachs Kränen.
    Reach – der Krankönig. Nicht einmal ich kann ohne Erlaubnis sein Territorium betreten. Ich schwör’s, ich konnte spüren, wie seine metallverstärkten Finger sich ausstreckten, um mich zu packen, noch als ich kehrtmachte und davonrannte.
    Aber ich brauchte nicht lange, um die Fährte wieder aufzunehmen. Wegen des toten Jungen war sie kaum zu übersehen.
    Er lag quer über den Schienen unter einem ausgebrannten Stellwerk. Seiner Größe nach dürfte er etwa fünfzehn gewesen sein, vielleicht nur ein paar Monate jünger als ich, doch wegen der Verletzungen an seinem Gesicht ließ sich das schwer sagen: Die ausgedörrte Haut war brüchig und rußschwarz, und zwei leere Höhlen klafften dort, wo die Augäpfel in Rauch aufgegangen waren. Nur die metallene Spraydose in seiner rechten Hand hatte den Stromstoß unversehrt überstanden.
    Es war nicht der leblose Körper, der mich zögern ließ – ich habe bedauerlicherweise schon grausamer entstellte Leichen gesehen. Es war die blutige Radspur, die den Brustkorb des Jungen in zwei Hälften schnitt, rechtwinklig zu den Schienen, quer über die Gleise. Einen Moment lang begriff ich gar nichts. Dann sah ich das Loch, das in die Backsteinmauer der Überführung geschlagen war, und ein ungläubiger Schauer kroch mir über den Nacken.
    Sie hatte sich von den Schienen befreit. Sie war entkommen .
    Wie in Thems’ Namen – ?
    Das war der Moment, in dem mir die ersten Zweifel kamen: Wenn sie derart mächtig war, würde ich sie dann überhaupt zur Strecke bringen können?
    Überall in der Stadt begannen die Straßenlampen zu leuchten, als die erwachenden Natriumittänzer die Glieder streckten und aufwärmten, um in ihren Glaskolben zu leuchten. Ich zwängte meine Finger in die Risse im Mauerwerk, schob mich über die Brüstung der Überführung und ließ mich aufs Pflaster gleiten. Dann, in der tiefer werdenden Dunkelheit, schlüpfte ich flink ins Gewirr der Straßen.
    Jetzt warte ich in einer Sackgasse, lausche auf das stetige Tropfen von Wasser aus einem rostigen Rohr. Ich beruhige mich, passe den Rhythmus meines Herzschlags dem Tropfgeräusch an. Meine Körperhaltung ist offen, mein Speer wurfbereit.
    Genau hier endet die Fährte.
    Frumm-ratter-ratter, frumm-ratter-ratter …
    Ich spüre die Vibration im Boden. Ein Fuchs schält sich hinter ein paar Stahlfässern hervor und huscht davon Richtung

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