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Der Wohlfahrtskonzern

Der Wohlfahrtskonzern

Titel: Der Wohlfahrtskonzern
Autoren: Frederik Pohl - Lester del Rey
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1
     
    Das Linienflugzeug von Port Lyautey war bequem und elegant, aber ich beugte mich in meinem Sitz vor, als wir über Neapel einflogen. Ich war bereits während des ganzen Fluges über den Atlantik gereizt gewesen. Als jetzt der Steward durch die Abteile ging, um unsere Blauer-Teller-Kupons einzusammeln, ärgerte ich mich unwillkürlich darüber, daß ich die angebotene Mahlzeit nicht gegessen hatte. Die Gesellschaft wollte, daß jeder den größtmöglichen Nutzen aus seinen Policen ziehen sollte – nicht nur aus den Nahrungspolicen, sondern auch aus dem Blauen Riegel, dem Blauen Generalschirm und all den anderen.
    Wir landeten auf dem Carmody-Platz, knapp außerhalb von Neapel. Mein Gepäck hatte ich aufgegeben, und ich erwartete daher nicht, daß es irgendwelche Schwierigkeiten geben würde, an den Zollinspektoren der Waffenstillstandskommission vorbeizukommen. Ich würde nur meine Gepäckscheine abgeben müssen und in den Rapido einsteigen, der mich nach Neapel bringen würde.
    Aber es kam anders. Der Mann vor mir war ein Wichtigtuer, der darauf bestand, sein Gepäck selbst zu tragen, und ich mußte eine Viertelstunde lang hinter ihm stehen, während die Waffenstillstandskommissare seine Socken und Pyjamas durchgeigerten. Obwohl ich ungeduldig herumzappelte, bemerkte ich doch, daß sich hoch oben an einer Wand des Zollschuppens eine überlebensgroße Büste von Millen Carmody befand. Es hob schon meine Stimmung, nur unter dem wohlwollenden Lächeln dieses Mannes zu stehen. Es gelang mir sogar, dem Reisenden vor mir freundlich zuzulächeln, als er durch das Gatter trat. Ich übergab dem uniformierten Expedienten der Gesellschaft meine Gepäckscheine.
    Und er bescherte mir ein unerwartetes Erlebnis: Nachdem er meine Papiere durchgesehen hatte, trat er zurück und bedachte mich mit einem strammen militärischen Gruß. »Sie können passieren, Anspruchsregler Wills«, sagte er und gab mir meine Reiseorder zurück. Das hatte es am Umsteigehafen in Port Lyautey nicht gegeben, nicht einmal im New Yorker Hauptbüro. Aber wir waren hier in Neapel, und der kleine Krieg war noch nicht vergessen. Hier herrschte das Gesetz der Gesellschaft, und ich war einer ihrer Vertreter. Das reichte, um meine innere Ruhe wiederherzustellen.
    Aber sie blieb mir nicht lange erhalten.
    Der Rapido trug uns durch die liebliche italienische Landschaft, beeilte sich allerdings nicht dabei. Wir kamen mit Verspätung in der Stadt an, und ich flog förmlich aus dem kleinen Zug in den großen Wartesaal, wo mein Fahrer am Schalter der Gesellschaft auf mich warten sollte. Ich konnte den Neapolitanern nicht wirklich die Schuld für die Verspätung geben. Sie konnten nichts dafür, daß die Sizilianer ihren Hauptflughafen Capodichino während des Krieges in seine Atome aufgelöst hatten, und der Rapido war nicht dafür konzipiert, das entsprechende Verkehrsaufkommen vom Carmody-Feld zu bewältigen. Aber Mr. Gogarty würde bestimmt schon auf mich warten, und ich war nicht der Mann, der einen Regional-Direkter warten lassen durfte. Ich kam bis zum Ausgang des Bahnsteigs. Und dann plötzlich: ein schrilles, hohes Pfeifen, ein Umherhasten, und aus dem Wirrwarr der durcheinanderquirlenden Menschen wurde Ordnung: An jedem Ausgang standen drei uniformierte Expedienten der Gesellschaft, andere verteilten sich in Gruppen über den gesamten Bahnsteig; und je einer bezog Position an jedem Gleisende und Treppenaufgang. Es war ein Triumph der Organisation. In nicht mehr als zehn Stunden hatte man die pulsierende Menschenmenge unter Kontrolle gebracht. Aber warum?
    Von den umhereilenden Gruppen stieg überraschtes Gemurmel auf; sie waren genauso erstaunt wie ich. Es war natürlich klar, daß das Oberkommando der Expedienten von Zeit zu Zeit eine solche Razzia anordnen würde, logisch. Die Gesellschaft schuldete das ihren Police-Eignern. Dadurch, daß sie sie durch den Planungskomplex Blauer Riegel gegen das Risiko eines Krieges versicherte, hatte sie die Verantwortung dafür übernommen einen Krieg, wenn möglich, zu verhindern. Und das war meist problemlos zu bewerkstelligen. Wie konnten die Menschen ohne Waffen Krieg führen? Und wie sollten sie Waffen kaufen, insbesondere Atomwaffen, wenn die Gesellschaft über sämtliche Rohstoffe verfügte und nur verkaufte, an wen sie wollte, wenn sie überhaupt wollte und wie sie wollte. Es gab zwar immer noch gelegentliche Ausbrüche – wie eben jenen Zwist zwischen Sizilien und Neapel –, aber das Grundprinzip blieb

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