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Der vierte Mörder: Klemens Raupachs erster Fall (German Edition)

Der vierte Mörder: Klemens Raupachs erster Fall (German Edition)

Titel: Der vierte Mörder: Klemens Raupachs erster Fall (German Edition)
Autoren: Thomas Kastura
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8. Dezember
    Endstation . Zuerst bemerkte er den Geruch. Der Mann schaute ungläubig. Er fühlte sich schläfrig. Dann begriff er.
    Er zuckte auf seinem Sitz herum, verschüttete dabei seine volle Kaffeetasse, wand sich mit ungelenken Bewegungen. Er wollte hinaus.
    Bleib drin.
    Der Sekundenkleber auf der Polsterung hielt. Eine ganze Tube davon. Die Tür der Fahrerkabine war von außen verriegelt, der Druckknopf zum Öffnen des Schiebefensters blockiert. Rauch stieg vom Fußraum nach oben.
    In der Zentrale meldete sich niemand. Die Kabel des Funkgeräts waren durchtrennt worden, während sich der Mann im Gebüsch hinter dem Wartehäuschen entleert hatte. Die letzten Fahrgäste befanden sich längst auf dem Weg nach Hause, das Reinigungspersonal war nach einer kurzen Kontrolle abgezogen. Der Triebwagen mit den beiden angehängten Waggons stand allein auf weiter Flur.
    Panisch versuchte er, seine an der Sitzfläche klebende Hose abzustreifen. Als es ihm in der engen Kabine endlich gelang, war er bereits von Flammen umgeben.
    Seine Kleidung fing schnell Feuer. Das Innenfutter der Jacke bestand aus Kunstfaser. Brennende Hemdzipfel. Darunter die nackten Beine, bedeckt von einer seltsamen Schmutzschicht. Nein, keine Schmutzschicht. Es waren verkohlte Härchen.
    Nichts da, um den Brand zu löschen, kein Feuerlöscher, kein Eimer mit Sand. Sein Pferdeschwanz loderte auf, während er gegen die Scheiben trommelte. Auf dem Bahnsteig sah er die Umrisse einer Gestalt. Dann verwandelten sich seine Augenbrauen in zwei qualmende Striche.
    Die Tür war von außen zusätzlich mit Klebeband verschlossen. Es war robustes Material aus einem Armeeladen, für alle erdenklichen Zwecke.
    Der Mann glich einer Fackel. Er suchte nach einem Ausweg. Der Sicherheitshammer zum Einschlagen der Scheiben fehlte. Keine Hilfe.
    Wehr dich nicht.
    Brechende Fingernägel, Kratzspuren an den Scheiben, schwarz und rot. Der Sitz war mit einer geruchlosen, leicht entzündlichen Flüssigkeit getränkt. Man konnte sie in jedem Supermarkt kaufen. Sie brannte besser als erwartet.
    Auf seiner Stirn bildeten sich Blasen, ebenso auf den blau rasierten Wangen, auf der Nase, am Kinn. Sein Gesicht schmolz.
    Dann knickte er ein. Er schlug noch ein paar Mal mit der Faust gegen die Tür, entkräftet jetzt, ein letzter Reflex.
    Die Erschöpfung kurz vor dem Ende.
    Schließlich brach er zusammen.
    Niemand stieg mehr zu.

30. November
    Der Stein besaß annähernd die Form eines Würfels, nur dass die abgerundeten Kanten eine unterschiedliche Länge hatten, mit schiefen Winkeln wie bei einer misslungenen Bastelarbeit. Seine Farbe war grau.
    Mausgrau, präzisierte Raupach. Außerdem war der Stein von weißlichen Sprenkeln bedeckt. Er besaß keine auffällige Maserung, keine Einschlüsse, soweit das zu erkennen war. Vielleicht stammte er aus einem Flussbett oder von einem Strand. Ein Kiesel, etwa fünfzehn Zentimeter breit, lang und hoch. Wie alt mochte er sein? Raupach war kein Geologe. Er stellte sich vor, dass der Stein schon vor hundert Jahren existiert hatte. Oder vor tausend? Wahrscheinlich eher vor zehntausend, hunderttausend, Steine wuchsen nicht wie Bäume, es gab sie seit einer Ewigkeit.
    Vorsichtig nahm er ihn hoch. Ein gutes Kilo, schätzte er. Damit konnte man einen Menschen erschlagen. Stumpfer Gegenstand, unhandlich, ein kräftiger Mann wäre in der Lage, damit umzugehen. Auf der ansonsten glatten Oberfläche befanden sich ein paar Risse und Schründe. Dort würden Blutreste, Haare, Knochensplitter und Hautpartikel hängen bleiben, Hinweise auf das Opfer. Oder den Täter.
    Den Jogger am Niederländer Ufer hatte er auf diese Weise überführen können. Das war schon eine ganze Weile her. Wie hieß er noch gleich? Sunde? Sünkel? Ein Wollfaden von seinem Handschuh war an dem Stein hängen geblieben, nachdem er damit die Schädeldecke eines Obdachlosen unter der Mülheimer Brücke zertrümmert hatte. Raupach war das Rheinufer bis zum Molenkopf entlanggegangen, immer wieder. Die Kollegen hatten sich über ihn lustig gemacht. Er solle die Fußarbeit doch der Suchmannschaft überlassen, warum stapfte er selber umher?
    Nach ein paar Tagen fand er ihn. Er lag im Gebüsch unter einer ganzen Sammlung ähnlicher Brocken. Es war, als habe der Stein auf ihn gewartet.
    Wenn der Jogger ihn einfach in den Fluss geworfen hätte, wäre Raupachs Ermittlung aussichtslos gewesen. Aber die Menschen gingen manchmal merkwürdige Beziehungen ein zu Dingen, mit denen sie etwas verbanden,

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