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Der verborgene Charme der Schildkröte

Titel: Der verborgene Charme der Schildkröte
Autoren: Julia Stuart
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Beefeater [ bi:fi:t ə ’; deutsch: Rindfleisch-Esser]: volkstümliche Bezeichnung für die offiziellen Wächter des Towers von London. Das Amt geht zurück auf die Wächter, die bereits in der frühen Festungsgeschichte die Tore und die königlichen Gefangenen bewacht haben. Seit der Regierungszeit Heinrichs VIII. (1509–47) wurde diese Amtspflicht von den King’s Yeomen ausgeübt, die berechtigt waren, die Uniform der königlichen Leibgarde anzulegen, welche sie in abgewandelter Form auch heute noch tragen. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert waren die Wächter auch für die Folter zuständig, allerdings unter der Aufsicht des Tower-Kommandanten.
    Der vollständige und korrekte Titel eines Beefeaters lautet: Yeoman Warder of Her Majesty’s Royal Palace and Fortress of the Tower of London, and Member of the Sovereign’s Body Guard of the Yeoman Guard Extraordinary . Den weniger glanzvollen Spitznamen hat es mindestens schon um 1700 herum gegeben. Er hat wahrscheinlich damit zu tun, dass den Wächtern für die Ausübung ihrer Pflichten täglich eine Ration Fleisch zugeteilt wurde. Sie selbst ziehen es entschieden vor, Yeoman Warders genannt zu werden.
    Jahrhundertelang zeigen sie nun schon Besuchern den Tower. Früher kamen die Menschen auf Einladung der königlichen Familie oder der Regierung, aber seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts fanden sich Leute auch aus Neugier an der Pforte ein und zahlten bereitwillig dafür, herumgeführt zu werden, wie Dokumente beweisen. Im Jahre 1838 vereinheitlichte der Tower die Eintrittspreise und druckte eigene Tower-Führer und offizielle Eintrittskarten. Innerhalb von drei Jahren stieg die jährliche Besucherzahl von 10.500 auf 80.000 an. Damals wurden die Beefeater zu offiziellen Tower-Führern ernannt.
    Neben der Bewachung der Festung und der Leitung der Besichtigungstouren nehmen die Yeoman Warders heute auch repräsentative Aufgaben bei Krönungsfeierlichkeiten, öffentlichen Aufbahrungen, den Prozessionen des Lord Mayors, anderen Staatsanlässen und Wohltätigkeitsveranstaltungen wahr. Sämtliche Beefeater sind ehemalige Offiziere der Streitkräfte Ihrer Majestät mit einem stattlichen Dienstalter von mindestens zweiundzwanzig Jahren.

KAPITEL EINS
    Balthazar Jones stand im Schlafanzug auf den Zinnen und schaute auf die Themse hinab, wo einst der Eisbär Heinrichs III., angebunden an ein Seil, nach Lachsen gefischt hat. Die Kälte, die mit tödlicher Präzision durch seinen Morgenrock drang, und die elende Feuchtigkeit, die an seinen Knöcheln hochkroch, nahm der Beefeater gar nicht wahr. Mit seinen eiskalten Händen griff er nach der uralten Brüstungsmauer, legte den Kopf in den Nacken und sog die Nacht ein. Da war es wieder.
    Vor Stunden schon, als er im Tower von London noch tief und fest geschlafen hatte, war der unverkennbare Geruch an seinen gewaltigen Nasenlöchern vorbeigezogen. In der Annahme, ein solches Wunder könne nur ein Lichtblick in seinen notorisch schrecklichen Träumen gewesen sein, hatte er sich das Brusthaar gekratzt, das ihn wie frisch herabgerieselte Asche bedeckte, und war wieder in einen unruhigen Schlaf gesunken. Erst als er sich auf die andere Seite wälzte, fort von seiner Frau und ihren alles überdeckenden Wohlgerüchen, war es plötzlich wieder da. Sofort erkannte er den erlesenen Duft des seltensten Regens der Welt und saß auch schon kerzengerade im Bett, die Augen wie ein Vogelküken aufgerissen.
    Die plötzliche Bewegung der Matratze ließ seine Frau sekundenlang wie eine Leiche auf dem Meer hin und her schaukeln. Als sie etwas Unverständliches murmelte und dem Störenfried den Rücken zukehrte, fiel ihr Kopfkissen in die Lücke zwischen Bett und Wand. Das war eines dieser Ärgernisse bei einem Schlafzimmer mit kreisrunden Wänden. Balthazar Jones steckte die Hand in das staubige Niemandsland und tastete herum. Nachdem er das Kissen wieder hervorgezogen hatte, legte er es seiner Frau sanft hin, um sie nicht zu wecken. Nicht zum ersten Mal in seiner Ehe wunderte er sich, wie eine mit fünfundfünfzig immer noch so strahlend schöne Frau im Schlaf wie ihr Vater aussehen konnte. Anders als sonst verspürte er allerdings nicht das Bedürfnis, sie wachzurütteln, um sich von der quälenden Vorstellung zu befreien, das Bett mit seinem griechischen Schwiegervater zu teilen, einem Mann, der so grimmig in die Welt hinausschaute, dass seine Verwandten ihn als Schaf im Wolfspelz bezeichneten. Stattdessen stand er schnell auf und

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