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Der Untergang der Telestadt

Der Untergang der Telestadt

Titel: Der Untergang der Telestadt
Autoren: Alexander Kröger
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Eintragung nach Pitts Tod – wie gesagt, Jahre danach – lautet sinngemäß: ›Ich bin erwacht, und ich habe drei Tage unser Wohnen hergestellt.‹ Und sie beschreibt, unbefangen und ungeachtet grammatikalischer und orthographischer Regeln, wie sie drei Tage lang im Schweiße ihres Angesichts die Wohnkuppel hergerichtet hat. Sie berichtet unter Trauer, daß nur noch George und Maus sich bei ihr befänden, und ich benötigte wiederum eine Weile, um herauszufinden, daß George eine Echse und Maus ein Marderähnlicher war.
    Was Laura uns mitzuteilen hat, ist wenig. Und was für Neuigkeiten könnte sie uns schon sagen. Das erste Jahrhundert der Menschen auf Flora neigte sich dem Ende zu, die Entwicklung bis in die Gegenwart war zu diesem Zeitpunkt bereits programmiert, wir können uns alles Weitere gut vorstellen, auch ohne Chronisten. Viel ist in der Tat aus Lauras Aufzeichnungen nicht herauszulesen, was den Fortgang des Lebens auf Neuerde anbetrifft. Sie erzählt, wie in Bergstadt die letzte von den dort stationierten wenigen Maschinen symbolisch zu Grabe getragen wurde, ein Erdhobel. Sie schildert wiederholt Bestattungsmärsche, und es fällt auf, daß diese weniger häufig stattfanden, dafür jedoch mit mehreren Leichen. An den Zeremonien aber nahm Laura nie teil, im Gegenteil, wir haben Grund anzunehmen, daß sie jeden Kontakt mit den Seestädtern mied, sich verkroch, wenn sie auftauchten.
    Dann erfuhr Laura vom Umzug der Seestädter in die neue Siedlung, und eine Zeitlang erwog sie, in die verlassene Stadt umzusiedeln. Sie machte sich wohl auch auf den Weg dorthin, ›zum Angucken‹, wie sie schreibt, kehrte aber nach einem Dutzend Kilometern um, weil sie spürte, daß sie den Strapazen nicht gewachsen war. Später wurde ihr hinterbracht – es muß eine Zeit gegeben haben, zu der sie sich, in größeren Abständen zwar, aber wohl regelmäßig, mit Bergstädtern getroffen hat –, daß Altseestadt so gut wie gänzlich von den Siedlern abgebrochen worden war, um das Material wieder einsetzen zu können.
    Laura vereinsamte. Die Beutezüge der Bergstädter wurden seltener, es gab einfach nichts Lohnendes mehr zu holen aus der TELESALT. Nun, wir wissen, daß einige Spezialisten bis heute dort noch Brauchbares finden… Die Leichenzüge wurden seltener…«
    »Na«, warf Carlos ein, »nach der Anzahl der Skelette müssen sie noch mindestens hundert Jahre nach Laura stattgefunden haben.«
    »Ja, das habe ich auch überschlagen«, gab ich zu. »Ich denke, wie intensiv etwas geschah, war wohl vom Durchsetzungsvermögen und den Ambitionen der jeweils herrschenden Stammütter abhängig. Es ist zu vermuten, daß in einem darauffolgenden Jahrhundert das Kultische auf Neuerde einen Aufschwung erlebte. Denn ich kann mir nicht vorstellen, daß zu Lauras Zeiten der Plunder aus dem Schiff, den wir im Bethaus gesehen haben, bereits zum Fetisch geworden sein könnte. Dazu waren wohl bei jedermann das Erinnern und zum Teil eigenes Erleben noch zu nah…
    Gut! Wenn ich also sage, daß das von Laura Aufgeschriebene uns nicht viel gibt, dann will ich das auf die Chronologie, den Alltag der Menschen aus See- und Bergstadt bezogen wissen. Trotz des Dürftigen in dieser Sicht, trotz der mangelhaften Orthographie und Grammatik ist aber Lauras Überlieferung sehr lesenswert…«
    Meine Behauptung löste doch in meiner Zuhörerrunde Erstaunen aus. »Wie das?« fragte Inge.
    »Ich würde euch sogar empfehlen«, fuhr ich fort, »daheim oder auch während der Wachen – einiges habe ich aufbereitet, hier ist die Liste…«, ich hob die Diskette an, »die Nummer siebenundsiebzig, merkt sie euch! – Lauras Aufzeichnungen sehr aufmerksam zu lesen. Wir stürzten her um, registrierten, fotografierten, maßen, sammelten, um ein möglichst genaues Bild von Flora zur Erde zu schaffen – unsere Speicher und Regale sind voller Material. Diese gehbehinderte, unglückliche Laura aber hat in kindlicher Schrift und fehlerhafter Sprache in einer naiven, wirklich zu Herzen gehenden Poesie ein Gemälde von Flora gemalt, das nach Hause zu bringen den eigentlichen Wert unserer Expedition ausmacht. All unsere Mitbringsel vermögen Flora vielleicht zu beschreiben, begreifen kann man den Planeten, wenn man Laura gelesen hat. Ihre Alltagspoesie erst stellt die Beziehung vom Menschen zu dieser großartigen Natur her…« Ich schwieg, ein wenig verlegen, weil ich selber spürte, wie ich ins Schwärmen geraten war. »Seht euch den Sam an!« sagte Friedrun.
    Wir

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