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Der unsichtbare Kreis

Der unsichtbare Kreis

Titel: Der unsichtbare Kreis
Autoren: Bernd Ulbrich
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ihn bereits zu den bedeutendsten plastischen Hyperdynamikern des Jahrhunderts. Bis zur Spitze des Gipfels schien ihm nur noch ein winziger Schritt zu fehlen, ein winziger, aber unendlich mühevoller, der so steil nach oben führte, daß er mitunter vor der schwindelerregenden Höhe zurückschrekken wollte. Nun plötzlich öffnete sich in dem Moment des Zauderns, des Kräftesammelns vor dem letzten Ansturm, vor ihm ein bequemer Weg. Savatsky! Sollte es ihm gelingen, eine epochale Plastik des Berühmten zu entwerfen, so mußte zwingend auf ihren Schöpfer ein Abglanz jenes Ruhmes fallen, der das Original umgab.
    Als hätte der Kybernet seine Gedanken erraten, fuhr er fort: »Ihr Name, verehrter Meister«, er lächelte, »ist kein unbekannter mehr. Sie beseelt eine unbändige, schöpferische Energie.« Mit Nachdruck formulierte er: »Sie werden Savatsky zu finden wissen.« Es klang wie ein Befehl.
Grom horchte auf.
    Der Typ lächelte nicht mehr. Seine Worte klangen scharf akzentuiert. »Da wird einem Menschen eine Chance gegeben, da sorgt sich die ganze Welt um ihn, Presse, Tele-V, Rundfunk reißen ihn aus der Gruft der Anonymität. Man würdigt sein Verdienst um die Menschheit…« Der Charm hob eine schmalgliedrige, metallic-braune Hand, seine Stimme war heiser vor Empörung. »Und der undankbare Kerl verschwindet, löst sich in Nichts auf, als ginge ihn die Erde, der er alles verdankt, nichts mehr an.«
    »Und kein Mensch weiß, wo er sich aufhält?« Mit Groms Erstaunen wuchs seine Unsicherheit. Zögernd öffnete er sich der Erkenntnis, daß das fürstliche Honorar wohl eine Ölung besonderer. Art bedeutete.
    »Nicht einmal ein Kybernet«, bestätigte der Charm Groms schlimmste Befürchtungen. »Nun begreifen Sie! – Wir als seine Geburtsstadt fühlen uns verpflichtet. Wir haben vor, im Zentralpark eine Monumentalplastik zu errichten.« Der Charm erhob sich. »Hochverehrter Meister!« Er legte alle Verbindlichkeit, die seiner Baureihe möglich war, in ein gewinnendes Lächeln. »Sie sind Ihrer Zeit voraus. Aus den Reihen der Verkannten aufgestiegen, haben Sie Beachtliches geleistet. Wir halten Sie für fähig, unsere Absicht in einem epochalen Kunstwerk zu verwirklichen. Sie gehören zur Avantgarde. Wir vertrauen Ihnen uneingeschränkt. Finden Sie Savatsky. Unser Apparat hat bisher versagt. Wir können Sie nicht mit dem geringsten Hinweis unterstützen. Ihre Phantasie, Ihr Genius wird Sie nicht nur ein großes Werk schaffen lassen, er wird Ihnen auch den Weg zu Savatsky weisen. Leben Sie wohl!«
    Bei der »Galaxy«, deren Angestellter Savatsky gewesen war, erfuhr Grom lediglich, der Gesuchte habe nach einhundert unfallfreien Dienstjahren gekündigt, um in den Ruhestand zu treten.
    Grom beauftragte eine Detektei.
Nach zwei Wochen wartete die Agentur mit einem mageren Bericht auf, der ihn keinen Schritt vorwärtsbrachte. Grom begann im stillen den Auftrag zu verfluchen.
Nach weiteren drei ergebnislosen Wochen hatte ein Reporter der Tele-V herausbekommen, daß Grom den Auftrag erhalten hatte. In einer Abendsendung wünschte man ihm Erfolg. Grom meinte, daß die Glückwünsche merkwürdig anzüglich klangen. Ich werde empfindlich, dachte er, es sind Hirngespinste.
Zum ersten Mal in seinem Leben schlief er schlecht. Er erwachte unausgeschlafen und verbrachte die Tage in depressiver Stimmung.
Die Zeit verging, doch der legendäre Weltraumkapitän Henry Savatsky blieb verschwunden. Mehr und mehr überwältigte Grom das Gefühl, dem nicht gewachsen zu sein. Er erwog, den Auftrag einem Kollegen zu überlassen, doch dann schalt er sich seiner Schwäche wegen und raffte sich zu neuer Konzentration auf.
Um die Zeit auszufüllen, begann er, Filmaufnahmen und Fotos von Savatsky zu sichten. Aufmerksam studierte er Savatskys Haltung und Gestus. Es war eine Menge ausgezeichneten Materials. Er erwog, vom Bild zu arbeiten.
Die Idee beflügelte ihn eine Weile, dann verwarf er sie wieder. Ein solches Verfahren mochte allenfalls für eine biedere, naturalistische Darstellung ausreichen. Die sich in ihm formende Idee der Darstellung Savatskys war damit nicht zu erfassen. Er muß mir selbst gegenübertreten, dachte Grom. Ich weiß nichts von ihm.
Sein künstlerischer Ehrgeiz erfüllte ihn mit Unruhe. Gleichzeitig deprimierte ihn die Ergebnislosigkeit seiner Bemühungen. Es dauerte nicht lange, da erschien es ihm unmöglich, diese Kluft zu überbrücken. Die innere Zerrissenheit entglitt seiner Kontrolle und hetzte ihn wie einen

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